• 08.06.2026
  • Artikel

Fakt oder Fabel? Verpackungsmythen unter der Lupe (Teil 2)

Bei Verpackungen wird Wissen oft mit Meinung verwechselt. In unserer zweiteiligen Artikel-Reihe gehen wir einigen typischen Mythen nach. Dazu haben wir drei Expertinnen und Experten gefragt, was tatsächlich Fakt ist und was in das Reich der Fabel gehört. Nach dem ersten Teil im Mai folgt nun der Abschluss. 
Illustration zu Verpackungsmythen: Eine Lupe vergrößert eine Plastikflasche mit Fragezeichen, umgeben von Recyclingkarton, Kunststoffabfällen, Glasverpackung und Symbolen für Umwelt und Kreislaufwirtschaft.
Teil zwei unserer Serie untersucht verbreitete Verpackungsmythen rund um Kunststoffe, Recyclingfähigkeit und Nachhaltigkeit.

Hier geht es zu Teil 1 des Artikels

Kunststoff ist ein Material

In der öffentlichen Meinung und in der Überzeugung der allermeisten Menschen ist Kunststoff ein Material. Aber das ist nur bedingt richtig, sagt Sebastian Klaus, Professor für Verpackungstechnik an der Berliner-Hochschule für Technik (BHT). „Wir reden über Kunststoffe, als wäre es ein Material. In Wirklichkeit aber ist es eine Materialgruppe. Fragen Sie mal jemanden, ob er ihnen fünf unterschiedliche Metalle nennen kann. Viele werden das können. Und dann fragen Sie ihn, ob er fünf unterschiedliche Kunststoffe kennt. Das werden die wenigsten hinbekommen. Und genauso verhält es sich dann logischerweise mit den Eigenschaften. Blei ist giftig, Quecksilber ist flüssig, Eisen rostet, Kupfer leitet Strom – zu jedem Metall kennen viele zumindest die hervorstechenden Eigenschaften. Bei Kunststoffen ist das anders. Die landen alle in einem Topf. Es macht aber einen Unterschied, ob ich eine Flasche aus PET, PVC oder Polycarbonat herstelle. Es gibt wichtige Unterschiede, gerade auch mit Blick auf die in der öffentlichen Meinung meist diskutierten Aspekte. Nicht jeder Kunststoff enthält Weichmacher oder Bisphenol A, einige sind biologisch abbaubar, andere nicht, einige sind sehr gut recycelbar, andere weniger – es gibt wichtige Unterschiede. Aber oft ist das Wissen so rudimentär, wie die Meinung stark ist.“
 

Flora Fliegner  in weißem Hemd auf dem Balkon
Flora Fliegner ist studierte Verpackungsingenieurin mit über 20 Jahren Erfahrung in der Verpackungsbranche. Sie leitet als Gründer und CEO die Beratungsagentur pack3 GmbH.

Recycelbar heißt: Kann recycelt werden

Ein Fall von „theoretisch Ja – praktisch Jein“ können Recyclinghinweise auf Verpackungen sein. Dabei geht es nicht um Falschbehauptungen von Seiten der Hersteller, sondern um den Clash vom grundsätzlich Möglichen mit der spezifischen Situation. 

Flora Fliegner, Verpackungsingenieurin, CEO und Gründerin der Beratungsagentur pack3 GmbH erläutert das am Beispiel eines klassischen Joghurtbechers: „Im Grunde sind alle Bestandteile recycelbar. Der Becher aus Kunststoff, der Deckel aus Aluminium und gegebenenfalls die Banderole aus Papier können alle im Kreislauf geführt werden. Das gilt aber nur, wenn diese Bestandteile auch getrennt im gelben Sack landen. Wenn der Becher als Ganzes entsorgt wird, erschwert das die Sortierung und das Recycling. Landet er sogar zerknüllt oder zerdrückt im gelben Sack, ist das Recycling unwahrscheinlich. Grundsätzlich gilt: Unterschiedliche Materialien sollten vor der Entsorgung getrennt werden.“ 

Ein weiterer Mythos, auf den Flora Fliegner bei der Gelegenheit hinweist: „Entleerte Verpackungen müssen vor der Entsorgung nicht gewaschen werden. Das erzeugt ökologische Aufwände, die unnötig sind.“ Anders liegt der Fall beim noch ungeöffneten Becher. Wenn der zum Beispiel aufgrund eines abgelaufenen Mindesthaltbarkeitsdatums in die Tonne wandern muss, sollte der Inhalt vorher entnommen werden.

 

Verpackungen werden maschinell getrennt

Der gleiche Mythos in anderem Gewand. Auch Sonja Bähr, Director Business Development bei Berndt+Partner Creality (BPC), weist darauf hin, dass Verbraucherinnen und Verbraucher „einen eigenen Anteil an der Trennung von Verpackungen übernehmen und alte Gewohnheiten ändern müssen. Also: Den Aludeckel auf dem Joghurt nach dem Verzehr nicht in den Becher hineindrücken, sondern vollständig abtrennen und getrennt im gelben Sack entsorgen. Gleiches gilt für die Becher, die in einer Kartonbanderole stecken. Hier gilt sogar: Kartonmantel abtrennen und in die blaue Tonne (Papiersammlung) geben; mit der Aluplatine und dem Kunststoffbecher wie oben beschrieben verfahren. Neueste Entwicklungen halten ohne Kleber zusammen und sind sehr einfach händisch voneinander zu trennen. Keine Maschine kann das und ist auch in der Aufbereitung nicht vorgesehen. Und viel schlimmer ist, dass durch die miteinander verbundenen Materialien eine eindeutige Sortierung nicht möglich ist. Der KS-Becher wird dann in den Materialstrom Aluminium hineingezogen oder das Aluminium in die Sammlung des jeweiligen Kunststoffs (PP oder PS). In beiden Fällen stellen die jeweils anderen Materialien eine Verschmutzung dar, die die Nutzung und effiziente Aufbereitung für ein Recycling stören oder unmöglich machen. Und somit sind diese Ressourcen für die Kreislaufwirtschaft verloren. Mein Fazit: Keiner trennt so gut wie der Mensch. Also raus aus der Bequemlichkeit und alle händisch trennbaren Komponenten getrennt im gelben Sack entsorgen!“

Porträt von Sebastian Klaus, Professor für Verpackungstechnik im Fachbereich V – Life Sciences and Technology der Berliner Hochschule für Technik (BHT).
Sebastian Klaus ist Professor für Verpackungstechnik im Fachbereich V – Life Sciences and Technology der Berliner Hochschule für Technik (BHT) und Betreiber des YouTube-Kanals „VerpackungsProf“

Ohne Plastik hätten wir weniger Verpackungsabfälle

Der Aussage, dass wir ohne Kunststoffverpackungen insgesamt weniger Verpackungsabfälle hätten, würde eine Mehrheit der Verbraucherinnen und Verbraucher wahrscheinlich zustimmen – und läge damit falsch. 

„Wenn wir alle Verpackungsabfälle getrennt nach Material auf eine Waage legen, dann kommt Kunststoff erst an dritter Stelle“, sagt Sebastian Klaus. 

„Auf dem ersten Platz landen Papier, Pappe und Karton. Danach folgt Holz. Wenn öffentlich über Verpackungsabfälle geredet wird, verkürzt sich das Thema oft sehr schnell auf Kunststoffe und der Ruf nach mehr nachwachsenden Rohstoffen wird laut. Aber schon heute bestehen 61,4 Prozent aller Verpackungsabfälle aus nachwachsenden Rohstoffen. Entgegen der allgemeinen Erwartungshaltung würde die Abfallmenge steigen und nicht sinken, wenn wir weniger Kunststoffe einsetzen, denn Kunststoffe haben in Bezug auf Gewicht und Volumen ein gutes Leistungsverhältnis. Ein Grund für die falsche Einschätzung liegt darin, dass Verbraucherinnen und Verbraucher zwar die Kunststoffverpackungen in den Regalen sehen, aber nicht die Verpackungen, die wir in der Lieferkette vor dem Regal benötigt haben“, so Sebastian Klaus.

Nachhaltige Verpackungen? Erkennt man sofort.

Es könnte so einfach sein. Papierverpackung gut, Kunststoffverpackung böse. Für umweltbewusste Verbraucherinnen und Verbraucher ist das oft eine pauschale Überzeugung, die aber ihre Tücken hat. 

 

  • Tücke 1: Nicht alles, was nach faserbasierter Verpackung aussieht oder sich so anfühlt, ist auch faserbasiert. Flora Fliegner: „Moderne Druckverfahren sind extrem leistungsfähig und in der Lage, aus Kunststoff ein Fake-Papier zu machen. So wie bei Fliesen oder Laminat im Baumarkt, die man in allen möglichen Holz- und Kork-Optiken kaufen kann. Besonders raffiniert sind bedruckte Kunststoff-Verpackungen, die nicht nur eine Papieroptik vortäuschen, sondern auch noch Grasfaser-Einschlüsse ins Druckbild einarbeiten. Das sieht dann doppelt nachhaltig aus – und ist ein falsches Versprechen, auf das Konsumentinnen und Konsumenten leicht und häufig hereinfallen. Wenn möglich, sollte man sich die Innenseite der Verpackung anschauen. Da ist das Druckbild meist ehrlicher. Der Aufwand lohnt dort nicht, denn die Innenseite sehen die Shopper gemeinhin erst nach dem Kauf.“

     

  • Tücke 2: Papier ist gar nicht pauschal besser als Kunststoff. Flora Fliegner: „Man muss sich immer die Ökobilanz für das individuelle Produkt und den individuellen Anwendungsfall anschauen. Die Realität ist viel zu komplex für Pauschalurteile. Nehmen wir das Beispiel Online-Versand. Früher wurde alles grundsätzlich in Karton verpackt und versendet. Heute werden oft auch Polybags verwendet. Die Tüten sind zwar logistisch oft eine größere Herausforderung als der Karton, dafür sind sie leichter, haben viel weniger Volumen und fahren viel weniger Leerraum durch die Lande. Da summieren sich die ökologischen Vorteile für die Kunststofflösung gegenüber der faserbasierten Verpackung.“
     

Autor: Christian Nink, Freier Fachjournalist