• 22.05.2026
  • Artikel

Fakt oder Fabel? Verpackungsmythen unter der Lupe (Teil 1)

Verpackungen sind Alltag – und gerade deshalb Gegenstand zahlreicher Missverständnisse. Ob angehängte Deckel, Kunststoffverbrauch, Altglas oder Lebensmittelverpackungen: Drei Fachleute ordnen verbreitete Verpackungsmythen ein und zeigen, wo Meinung endet und Fakten beginnen.
Illustration zu Verpackungsmythen: Eine Lupe vergrößert eine Plastikflasche mit Fragezeichen, umgeben von Recyclingkarton, Kunststoffabfällen, Glasverpackung und Symbolen für Umwelt und Kreislaufwirtschaft.
Verpackungsmythen halten sich hartnäckig – ein genauer Blick zeigt jedoch, wo Fakten, Kreislaufwirtschaft und Verbraucherwahrnehmung auseinanderliegen.

„Bei Verpackungen ist es wie beim Fußball“, sagt Sebastian Klaus, Professor für Verpackungstechnik an der Berliner-Hochschule für Technik (BHT): „Es gibt 80 Millionen Bundestrainer. Genauso glaubt jeder, über Verpackung Bescheid zu wissen. Dabei wird gerade bei Verpackungen Wissen oft mit Meinung verwechselt.“ Welche Verpackungsmythen sind besonders landläufig oder hartnäckig – und wie sieht die Wirklichkeit aus? Wir haben uns bei drei Expertinnen und Experten umgehört und um Klarstellung gebeten. Da die Mythen rund um die Verpackung zahlreich sind, haben wir zwei Artikel daraus gemacht. Teil 2 bringen wir in unserer nächsten Ausgabe.

 

Angehängte Deckel nerven und sind nutzlos

Angehängte Deckel, sogenannte Tethered Caps, haben unter Verbraucherinnen und Verbrauchern vom Start weg für viel schlechte Laune gesorgt. „Nerven und sind nicht besser für die Umwelt“, so die gängige Meinung. Sonja Bähr ist Director Business Development bei Berndt+Partner Creality (BPC) und hat fast 30 Jahre Branchenerfahrung. Ihre Meinung zu Tethered Caps: „Die befestigten Deckel leisten einen großen Beitrag zu einer funktionierenden Kreislaufwirtschaft.“ Im Detail sagt die studierte Verpackungstechnikerin und Wirtschaftsingenieurin: „Mittlerweile haben sich wohl alle daran gewöhnt und es gibt bereits viele verschiedene Technologielösungen, wie die Kunststoffschraubdeckel an der PET-Flasche oder dem Getränkekarton dauerhaft befestigt bleiben. 

Sonja Bähr, Director Business Development bei Berndt+Partner Creality (BPC), verfügt über nahezu drei Jahrzehnte Erfahrung in Verpackungstechnik, Wirtschaftsingenieurwesen und nachhaltiger Verpackungsinnovation.
Sonja Bähr ist studierte Verpackungstechnikerin und Wirtschaftsingenieurin mit fast drei Jahrzehnten Erfahrung in der Verpackungsbranche. Sie arbeitet als Director Business Development bei der Agentur für Verpackungsdesign, Innovation und Nachhaltigkeit, Berndt+Partner Creality (BPC)

Klar, dass es auch bis heute Menschen gibt, die sich stolz widersetzen und dem angehängten Deckel mit Schere oder Messer zu Leibe rücken, um den Flaschenhals freizulegen. Aber diese Art der sortenreinen Sammlung gewährleistet eine der besten und sichersten Quellen, um Rezyklat für den Wiedereinsatz in Lebensmittelverpackungen zu gewinnen. Nach dem Schreddern werden das PET aus der Flasche und das HDPE aus dem Deckel sortenrein durch das Schwimm-Sink-Verfahren getrennt und können nach einer umfangreichen hygienischen Aufbereitung wieder für Lebensmittelkontaktmaterial eingesetzt werden. Durch die Befestigung der Deckel sind sie für den hochwertigen Wiedereinsatz qualifiziert, andernfalls gehen sie aus einer gemischten Verpackungsabfallsammlung nur in minderwertigere Anwendungen wie die Parkbank. Mein Fazit: Tethered Caps sind auf jeden Fall besser für eine gut funktionierende Kreislaufwirtschaft und das Schließen der Ressourcenlücke bei der Versorgung mit Rezyklat.

Naturschutz durch Flaschen-Aschenbecher

Gut gemeint, aber ein Eigentor: Wenn Raucherinnen und Raucher bei der Outdoor-Party ihre Kippen nicht in der freien Natur entsorgen wollen, ist das vorbildlich. Wenn aber die leere Flasche als Aschenbecher herhalten muss, dann geht der Schuss nach hinten los. Darauf weist Flora Fliegner, Verpackungsingenieurin, CEO und Gründerin der Beratungsagentur pack3 GmbH, hin: „Wenn diese Flaschen im Altglas landen, ist das nicht einfach nur nervig, sondern es ist ein echtes Problem für das Recycling. Denn wenn die Flaschen mit Kippen darin zerbrechen, verteilt sich der Inhalt. Zigaretten sind toxischer Sondermüll, sie enthalten Nikotin, Teer und Schwermetalle. Diese Stoffe müssen in extrem aufwendigen Prozessen wieder vom Altglas entfernt werden. Das macht den gesamten Recyclingprozess langsamer, teurer und weniger effizient. In der Folge sind hohe Recyclingquoten viel schwerer zu erreichen und die Umwelt wird unnötig belastet.“

Porträt von Sebastian Klaus, Professor für Verpackungstechnik im Fachbereich V – Life Sciences and Technology der Berliner Hochschule für Technik (BHT).
Sebastian Klaus ist Professor für Verpackungstechnik im Fachbereich V – Life Sciences and Technology der Berliner Hochschule für Technik (BHT) und Betreiber des YouTube-Kanals „VerpackungsProf“.

Wir verbrauchen immer mehr Kunststoffe

Eine unter Verbraucherinnen und Verbrauchern extrem verbreitete Annahme ist, dass wir für Verpackungen immer mehr Kunststoff verbrauchen. „Das stimmt einfach nicht“, sagt Sebastian Klaus, Professor für Verpackungstechnik an der Berliner-Hochschule für Technik (BHT). „Im privaten Verbrauch sind wir pro Kopf auf einem Niveau von 2010. Der Eindruck, dass wir immer mehr Kunststoffe für Verpackungen verbrauchen kommt daher, dass wir die Zahlen von heute ständig mit den Zahlen aus den 1990er-Jahren vergleichen. Aber das ist unseriös. Wenn wir dieser Logik folgen, könnten wir auch sagen, dass es der Deutschen Wirtschaft blendend geht, weil das BIP viel höher ist, als 1990. Das lässt jedoch eine ganze Reihe wichtiger Faktoren außer Acht. Und genauso ist es bei den Kunststoffverpackungen. Wir finden durch verändertes Konsumverhalten eine höhere Anzahl in den Regalen, aber wir brauchen heute viel weniger Kunststoffe für die gleiche Anwendung wie früher.“

Mit Blick auf den Bereich des privaten Endverbrauchs zeigten die Zahlen des Umweltbundesamts, dass im Jahr 2010 pro Kopf 23,4 Kilogramm Kunststoffverpackungen zur Entsorgung kamen, im Jahr 2023 lag dieser Wert bei 22,9 Kilogramm. „Die Aussage, dass wir immer mehr Kunststoffe für Verpackungen verbrauchen, ist also nicht richtig und unfair. Dahinter steht nicht zuletzt politischer Druck, denn es braucht eine Rechtfertigung für die ständig wachsenden Abgaben und Belastungen auf Kunststoffe“, sagt Sebastian Klaus.

 

Käse und Wurst sollten umverpackt werden

Ein immer noch anzutreffender, gut gemeinter Rat lautet: Käse und Wurst sollten nach dem Einkauf in eigene Behälter umverpackt werden. Hinter dem Rat steckt meist der Wunsch, hygienisch auf Nummer Sicher zu gehen. Leider führt das zu einer Verschlimmbesserung. Flora Fliegner: „Käse und Wurst, die in versiegelten Schalen oder Schlauchbeuteln (Flowpacks) gekauft werden, sind durch Vakuum oder Schutzatmosphäre hygienisch optimal geschützt. Das kann kein eigenes Behältnis leisten. Solange die Originalverpackung ungeöffnet ist, bleibt dieser Schutz bestehen.“

 

Plastik aus den Meeren fischen löst das Problem

Wäre schön, ist aber keine Lösung. Die Umweltverschmutzung in den Meeren und an Land ist nicht gelöst, wenn wir Projekte starten, um die dort befindlichen Kunststoffverpackungen einzusammeln und zu recyceln. Das ist zwar an sich eine gute Sache, aber unter dem Strich bleibt es „eine Frage der Menge und der Qualität“, so Sonja Bähr. „Es können einfach nicht alle in der Umwelt an Land und im Meer befindlichen Kunststoffabfälle gesammelt und zu wiedereinsatzfähigem Material aufbereitet werden. Das sind leider nur die berühmten Tropfen auf dem heißen Stein. Sie sind punktuell gut, können aber meist nicht mehr sein als Vorzeigeprojekte, die sich nicht im großen, industriellen Maßstab durchführen lassen. Letztlich ist das auch nicht wünschenswert, wenn dadurch das falsche Signal gesendet wird. Mach dir keine Sorgen, sei verantwortungslos und schmeiß deinen Müll einfach irgendwohin – das ist keine Botschaft, die entstehen darf.“

 

Autor: Christian Nink, Freier Fachjournalist