- 15.01.2026
- Länder-/Marktbericht
- Look into Europe
Stabil im Volumen, dynamisch im Wandel: Der europäische Verpackungsmarkt
Trotz wachsender Regulierung und steigender Nachhaltigkeitsanforderungen bleibt der europäische Verpackungsmarkt auf Wachstumskurs. Welche Kräfte den Markt treiben – und wo sich die größten Veränderungen abzeichnen.

Der europäische Verpackungsmarkt steht unter Druck – und wächst dennoch. Während Regulierung, Kostensteigerungen und Nachhaltigkeitsansprüche die Branche fordern, bleibt die Nachfrage aus zentralen Anwendungsfeldern wie Lebensmittel und Getränke, Körperpflege, Pharmazeutika und Logistik hoch. Laut Consegic Business Intelligence belief sich das Marktvolumen 2024 vor diesem Hintergrund auf rund 241 Milliarden US-Dollar und dürfte bis 2032 auf etwa 340 Milliarden US-Dollar steigen. Das zugrunde liegende Wachstum im mittleren einstelligen Prozentbereich zeigt: Die Branche befindet sich nicht im Umbruch durch Rückgang, sondern in einer Phase tiefgreifender Transformation.
Materialseitig dominieren Kunststoffe weiterhin auf dem europäischen Verpackungsmarkt. Sie bleiben unverzichtbar, wenn es um Barriereeigenschaften, Haltbarkeit und Kosteneffizienz geht. Papier und Karton bilden die zweite tragende Säule des Marktes: Leistungsfähige Recyclingsysteme, regulatorische Unterstützung und eine hohe Akzeptanz bei Verbrauchern sichern ihnen eine starke Position – von der Primärverpackung bis hin zu Transport- und Umverpackungen. Glasverpackungen spielen vor allem im Getränke- und Lebensmittelbereich eine wichtige Rolle, wo Produktschutz und Premiumanmutung entscheidend sind. Metallverpackungen, insbesondere aus Aluminium und Stahl, behaupten sich stabil bei Dosen, Verschlüssen und starren Verpackungen. Sie punkten mit ihrer Robustheit und gut etablierten Recyclingströmen. Andere Materialien bleiben demgegenüber Nischenlösungen mit vergleichsweise geringen Marktanteilen.
Wachstum verteilt sich auf alle wesentlichen Materialgruppen, doch jede steht vor spezifischen Herausforderungen, da Nachhaltigkeitsanforderungen weiter zunehmen.
Verbraucherverpackungen: Ein reifer Markt im Wandel
Europa zählt zu den größten und zugleich reifsten Märkten für Verbraucherverpackungen weltweit. Er stellt den Großteil der Verpackungsnachfrage und kann sich auf einen stabilen Bedarf in den Bereichen Lebensmittel und Getränke, Körperpflege, Haushaltsprodukte und E-Commerce stützen. Nach Angaben von Mordor Intelligence beläuft sich das Marktvolumen im Jahr 2025 auf rund 175 Milliarden US-Dollar und dürfte in den kommenden Jahren weiter moderat wachsen. Dieses Wachstum speist sich jedoch weniger aus steigenden Mengen als vielmehr aus strukturellem Wandel – getrieben durch neue regulatorische Vorgaben, wachsende Nachhaltigkeitsanforderungen und Veränderungen bei Materialien und Verpackungsformaten.
Insgesamt ist der europäische Markt für Verbraucherverpackungen daher von kontinuierlicher Anpassung statt abruptem Umbruch geprägt. Markeninhaber und Verpackungshersteller agieren in einem anspruchsvollen Spannungsfeld: Sie müssen Funktionalität und Kosteneffizienz sichern und gleichzeitig auf verschärfte EU-Regulierungen sowie steigende Nachhaltigkeitserwartungen reagieren. In diesem Umfeld gewinnen Verbraucher¬einstellungen zu Verpackungen zunehmend an Bedeutung, bleiben jedoch ein Einflussfaktor unter mehreren und nicht der alleinige Treiber der Marktentwicklung.
Verbraucher schätzen Nachhaltigkeit – aber nicht um jeden Preis
Nachhaltigkeit ist für europäische Verbraucher zu einer festen Erwartung geworden, gibt beim Kauf jedoch selten den Ausschlag. Eine McKinsey-Verbraucherbefragung aus dem Jahr 2025 zeigt, dass Preis, Qualität und Funktionalität weiterhin die Kaufentscheidungen dominieren, während ökologische Aspekte eine nachgeordnete Rolle spielen. Anhaltender wirtschaftlicher Druck und Inflation haben die Preissensibilität in Europa zusätzlich erhöht.
Bei Verpackungen steht die Funktionalität klar an erster Stelle. Verbraucher priorisieren Lebensmittelsicherheit, Produktschutz und Haltbarkeit gegenüber Umweltmerkmalen. Nachhaltigkeit wird erst dann relevant, wenn diese Grundanforderungen erfüllt sind – was die Herausforderung für die Verpackungsindustrie unterstreicht, umweltfreundlichere Lösungen zu entwickeln, ohne Leistung oder Bezahlbarkeit zu beeinträchtigen.
Unter den Nachhaltigkeitsmerkmalen sticht Recyclingfähigkeit in allen untersuchten europäischen Ländern als wichtigstes Kriterium hervor. Wiederverwendbarkeit und der Einsatz von Rezyklaten finden ebenfalls Zustimmung, während Konzepte wie biobasierte Materialien oder Gewichtsreduktion weniger greifbar und damit weniger kaufrelevant sind. Kreislauffähigkeit – nicht abstrakte Nachhaltigkeitsversprechen – ist das, was Verbraucher verstehen und schätzen.
Die Wahrnehmung von Materialien variiert regional. Papier, Karton und Glas gelten weithin als nachhaltig, während Kunststoffe weiterhin skeptisch betrachtet werden. In Ländern mit gut funktionierenden Sammel- und Recyclingsystemen, etwa Deutschland oder Schweden, wird PET-Verpackung jedoch positiver bewertet – ein Hinweis auf die Bedeutung der Infrastruktur für Verbrauchereinstellungen.
Gleichzeitig erwarten Verbraucher klar, dass Unternehmen – nicht Einzelpersonen – Verantwortung für nachhaltige Verpackungen übernehmen. Eine Zahlungsbereitschaft für nachhaltige Lösungen ist vorhanden, hat in den letzten Jahren jedoch abgenommen. Für den EU-Verpackungsmarkt bedeutet dies: Verbraucher¬nachfrage allein wird den Wandel nicht tragen. Regulierung, Innovation und systemische Lösungen bleiben die zentralen Hebel.

Verpackungsabfälle: Uneinheitlicher Fortschritt in Europa
Trotz jüngster Verbesserungen bleibt das Aufkommen an Verpackungsabfällen in der EU hoch. Im Jahr 2023 fielen 79,7 Mio. Tonnen Verpackungsabfälle an, was 177,8 kg pro Einwohner entspricht. Zwar bedeutet dies einen Rückgang von 8,7 kg pro Kopf gegenüber 2022, dennoch liegt das Niveau mehr als 21 kg über dem Wert von vor zehn Jahren – ein Hinweis auf die strukturellen Herausforderungen des europäischen Verpackungssystems. Den größten Anteil am Verpackungsabfall hatten Papier und Karton (40,4 %), gefolgt von Kunststoffen (19,8 %), Glas (18,8 %), Holz (15,8 %) und Metallen (4,9 %). Kunststoffverpackungen allein waren für durchschnittlich 35,3 kg pro Person verantwortlich, von denen 14,8 kg recycelt wurden. Obwohl das Kunststoffabfallaufkommen im Jahresvergleich leicht sank, zeigt der langfristige Trend nach oben: Seit 2013 ist das Pro-Kopf-Aufkommen um 6,4 kg gestiegen.Die Recyclingleistung variiert stark zwischen den EU-Ländern. Belgien führte 2023 das Ranking an und recycelte 79,7 % seiner Verpackungsabfälle – deutlich über dem EU-Ziel von 70 % für 2030 gemäß der Verpackungsabfallrichtlinie. Es folgten die Niederlande (75,8 %), Italien (75,6 %), Tschechien (74,8 %), Slowenien (73,6 %), die Slowakei (71,9 %) und Spanien (70,5 %). Weitere 13 Länder näherten sich dem Ziel mit Recyclingquoten von über 60 %. Besonders hervorzuheben sind Zypern (Daten von 2022), Deutschland, Frankreich, Estland und Schweden mit Quoten zwischen 68,5 % und 69,5 %.
Als wesentlicher Erfolgsfaktor gilt in Belgien das seit Langem etablierte „Pay-as-you-throw“-System, bei dem Abfallgebühren an die Menge des Restmülls gekoppelt sind.
Am unteren Ende der Skala lagen Rumänien (37,3 %), Ungarn (42,8 %), Malta (44,4 %) und Griechenland (48,0 %) – ein Hinweis auf anhaltende Defizite bei Infrastruktur und Umsetzung, häufig verbunden mit geringerer Wirtschaftsleistung. Ähnliche Unterschiede zeigen sich bei der Reduzierung von Kunststofftragetaschen: Während Belgien 2023 im Schnitt nur vier Beutel pro Person verzeichnete, lag Lettland bei über 200.
Kunststoffrecycling in der Krise
Während viele europäische Länder erfolgreich ihre Recyclingquoten bei Kunststoffverpackungen steigern konnte, zeigt ein aktuelles Phänomen, dass diese Anstrengungen an neue Grenzen stoßen könnten. Niedrige Preise für neue Kunststoffe („Virgin Plastic“), hohe Energie- und Betriebskosten sowie eine unzureichende Nachfrage nach Rezyklaten haben die Wettbewerbsfähigkeit der Recyclingbranche drastisch geschwächt. In vielen Fällen liegen die Kosten für die Herstellung von Rezyklaten über denen für Neuware, weshalb Hersteller zunehmend auf billiges Primärmaterial zurückgreifen – nicht zuletzt auch auf Importe, die oft unter mangelnden Kontrollen in die EU gelangen. Diese Entwicklung führt zu sinkenden Umsätzen, Insolvenzen und dem Abbau von Recyclingkapazitäten; Prognosen zufolge könnten bis Ende 2025 allein fast eine Million Tonnen jährliche Kapazität verloren gehen. Parallel dazu fehlen marktbasierte Anreize und klare politische Rahmenbedingungen für den Rezyklateinsatz, während verbindliche Quoten der EU-Verpackungsverordnung (PPWR) erst ab 2030 greifen.
Fazit: Transformation unter Realbedingungen
Der europäische Verpackungsmarkt bleibt stabil im Volumen, aber unter hohem Veränderungsdruck. Wachstum entsteht zunehmend durch regulatorische Anpassung, Materialoptimierung und neue Geschäftsmodelle – nicht durch steigende Mengen. Gleichzeitig zeigen die Entwicklungen im Recycling, insbesondere bei Kunststoffen, dass bestehende Strukturen an ihre Grenzen stoßen. Für die Branche wird entscheidend sein, Kreislaufwirtschaft, Funktionalität und Wirtschaftlichkeit besser miteinander zu verzahnen. Der Erfolg des europäischen Verpackungsmarkts wird sich daran messen lassen, ob nachhaltige Lösungen skalierbar, bezahlbar und industriell tragfähig umgesetzt werden können.
Autor: Alexander Stark, Redakteur FACHPACK360°