- 17.10.2026
- Interview
- Machinery Change
VDMA-Interview: Wo sich Chancen für den Verpackungsmaschinenbau eröffnen
Weniger Aufträge, wachsender Wettbewerbsdruck: Der deutsche Verpackungsmaschinenbau steht nach einem starken Vorjahr vor schwierigeren Marktbedingungen. Im Interview erklärt Judith Binzer vom VDMA, welche Absatzmärkte positive Signale senden, wo neue Geschäftschancen liegen und warum die Branche nur mit einer schrittweisen Stabilisierung rechnet.
Geschrieben von Alexander Stark

Frau Binzer, wie beurteilen Sie die wirtschaftliche Lage im deutschen Verpackungsmaschinenbau zur Jahresmitte 2026 insgesamt? Wie ist die Stimmung in den Unternehmen?
Zur Jahresmitte 2026 zeigt sich der deutsche Verpackungsmaschinenbau in einer grundsätzlich soliden Verfassung, allerdings hat sich die konjunkturelle Lage spürbar eingetrübt. Nach einem sehr starken Jahr 2025 mit einem Produktionszuwachs von 8,8 Prozent auf knapp 9 Milliarden Euro und einem Exportplus von 6,5 Prozent hat die Nachfrage an Dynamik verloren. Von Januar bis August 2026 lagen die Auftragseingänge bei Verpackungsmaschinen insgesamt 7 Prozent unter dem vergleichbaren Vorjahresniveau. Insbesondere das Auslandsgeschäft entwickelte sich mit minus 15 Prozent schwach.
Das Stimmungsbild hat sich vorsichtig aufgehellt. Nach der aktuellen VDMA-Konjunkturumfrage für das dritte Quartal 2026 bewerten 15 Prozent der Unternehmen des Verpackungsmaschinenbaus ihre Lage als gut oder sehr gut, 59 Prozent als befriedigend und 26 Prozent als schlecht. Im Vergleich zur Konjunkturumfrage im zweiten Quartal ist dies eine leichte Verbesserung. Hinsichtlich der Erwartungen rechnen in den kommenden sechs Monaten der Großteil der befragten Unternehmen mit einer gleichbleibenden Entwicklung. Je nach Kundenbranche differenziert das Bild etwas.
Wie entwickelt sich die internationale Wettbewerbsposition der deutschen Verpackungsmaschinenbauer? Spüren die Unternehmen neben der schwächeren Nachfrage auch zunehmenden Preis- und Wettbewerbsdruck?
Die deutschen Verpackungsmaschinenbauer sind international weiterhin sehr gut positioniert. Das zeigt auch der Export: Im ersten Halbjahr 2026 lagen die Ausfuhren mit rund 3,5 Milliarden Euro und einem Plus von 0,3 Prozent praktisch auf dem hohen Vorjahresniveau. Die Entwicklung verlief allerdings regional sehr unterschiedlich. Zuwächsen in der EU, im übrigen Europa sowie in Zentral- und Südasien standen Rückgänge unter anderem in Nordamerika, China, Südostasien und Lateinamerika gegenüber.
Gleichzeitig nimmt der Preis- und Wettbewerbsdruck deutlich zu. Vor allem chinesische Anbieter haben technologisch aufgeholt, agieren schneller und treten in vielen Märkten mit sehr wettbewerbsfähigen Preisen auf. Deutsche Hersteller können diesen Wettbewerb nicht allein über den Preis gewinnen. Ihre Stärke liegt in technologisch anspruchsvollen, flexiblen und effizienten Lösungen, in hoher Qualität und Verlässlichkeit sowie im weltweiten Service. Entscheidend wird sein, diese Stärken weiter auszubauen, Innovationen schneller in den Markt zu bringen und zugleich die Kosten- und Standortnachteile in Europa zu begrenzen. Die Wettbewerbsposition bleibt stark, sie ist aber keineswegs selbstverständlich.
Welche Absatzmärkte könnten in den kommenden zwölf bis 18 Monaten für eine Belebung sorgen? Gibt es Regionen, von denen Sie derzeit besonders positive Signale erhalten?
Eine breite, von allen Regionen getragene Belebung ist derzeit noch nicht zu erkennen. Positive Signale sehen wir vor allem in Europa, in Zentral- und Südasien sowie in Südamerika. Auch Nordamerika, Afrika sowie der Nahe und Mittlere Osten bieten grundsätzlich Potenzial, weil dort weiter in moderne Produktions- und Verpackungskapazitäten investiert wird. Die aktuelle VDMA-Konjunkturumfrage bestätigt jedoch, dass die Entwicklung stark nach Regionen und Kundenbranchen differenziert bleibt: Während einzelne Märkte und Projekte für Impulse sorgen, sind Unternehmen in anderen Regionen bei Investitionsentscheidungen weiterhin zurückhaltend. Für die kommenden zwölf bis 18 Monate erwarten wir deshalb eher eine schrittweise Belebung als einen kräftigen, flächendeckenden Aufschwung. Entscheidend wird sein, ob geopolitische Unsicherheiten abnehmen, Finanzierung und wirtschaftliche Rahmenbedingungen verlässlicher werden und aufgeschobene Investitionen wieder freigegeben werden.
Welche Faktoren belasten die Nachfrage derzeit am stärksten? Wie würden Sie die Bedeutung von schwacher Konjunktur, geopolitischer Unsicherheit, Handelskonflikten, Finanzierungskosten und regulatorischen Rahmenbedingungen gewichten?
Die stärkste Belastung ist derzeit die Kombination aus schwacher Auftragssituation und hoher Unsicherheit. Viele Kunden verfügen grundsätzlich über Investitionsbedarf, verschieben ihre Entscheidungen aber, weil Absatzperspektiven, geopolitische Konflikte und handelspolitische Rahmenbedingungen schwer kalkulierbar sind. Die VDMA-Konjunkturumfrage bestätigt dieses Bild auch für die Verpackungsmaschinenhersteller: Als wesentliche Marktrisiken werden vor allem die verhaltene Nachfrage, geopolitische Verwerfungen und Handelskonflikte, der zunehmende Preis- und Wettbewerbsdruck – insbesondere aus China – sowie hohe Standortkosten und regulatorische Unsicherheiten gesehen. Die technologische Wettbewerbssituation wird von den Unternehmen zugleich als große Chance und als großes Risiko wahrgenommen. Es gibt hier aber klare Chancen: Automatisierung und Digitalisierung, der Bedarf an effizienteren und flexibleren Anlagen sowie nachhaltige, ressourcenschonende und PPWR-konforme Verpackungslösungen eröffnen neue Geschäftsmöglichkeiten.
Mit welcher Entwicklung rechnen Sie für das zweite Halbjahr 2026 und für 2027?
Für das zweite Halbjahr 2026 und für 2027 erwarten wir keinen schnellen, flächendeckenden Aufschwung, sondern eine schrittweise Stabilisierung. Die VDMA-Konjunkturumfrage zeigt, dass die meisten Verpackungsmaschinenhersteller kurzfristig mit einer weitgehend gleichbleibenden Entwicklung rechnen. Die Stimmung ist daher nicht euphorisch, aber stabiler und etwas zuversichtlicher als noch zur Jahresmitte. Der Investitionsbedarf in vielen Kundenbranchen bleibt verhalten und die Planbarkeit begrenzt.
