• 20.08.2026
  • Artikel

Technologieoffen zur richtigen Verpackungsmaschine

Welche Anforderungen muss eine Verpackungsmaschine heute und in Zukunft erfüllen? Das Lastenheft soll Orientierung bei der Ausschreibung geben, kann innovative Lösungen aber auch ungewollt ausschließen. Der Berater Felix Gass erklärt, wie Unternehmen ihre Maschinenbeschaffung technologieoffen gestalten können.

Geschrieben von Alexander  Stark

Blaupause einer Verpackungslinie
Ein technologieoffener Beschaffungsprozess hält bei der Planung einer Verpackungslinie unterschiedliche Lösungswege offen.

Die Investition in eine neue Verpackungsmaschine oder eine komplette Verpackungslinie ist eine langfristige Entscheidung. Umso wichtiger ist es, Anforderungen sorgfältig zu definieren: Welche Produkte und Formate sollen verpackt werden? Welche Verpackungsmaterialien kommen zum Einsatz? Welche Leistung und welcher Automatisierungsgrad sind erforderlich? Lässt sich die Anlage problemlos in die vorhandene Peripherie integrieren? Kann die Maschine auch neue Formate, Materialien und veränderte Produktionsmengen bewältigen? Wer diese Punkte vor der Ausschreibung nicht ausreichend klärt, riskiert eine Anlage, die zwar den aktuellen Bedarf deckt, aber schon nach wenigen Jahren an ihre Grenzen stößt.

Das Lastenheft ist das klassische Instrument, um eine solche Entscheidungsbasis zu schaffen. Darin beschreibt der Auftraggeber seine Anforderungen und das gewünschte Ergebnis. Es bildet die Grundlage für die Ausschreibung, die Kommunikation mit potenziellen Lieferanten und die anschließende Bewertung der Angebote. Maschinenbauer und Zulieferer entwickeln darauf aufbauend im Pflichtenheft oder im Angebot konkrete technische Lösungen. Auf diese Weise lässt sich eine komplexe Beschaffungsaufgabe strukturieren und zwischen mehreren Anbietern vergleichbar beschreiben. Was sollte es an diesem bewährten Prozess auszusetzen geben?

Messegeschehen Technik und Prozesse
Das Lastenheft definiert die Anforderungen an eine Verpackungsmaschine und bildet die Grundlage für die Ausschreibung.

Wenn Präzision den Lösungsraum einschränkt

Manchmal kann sich ein Lastenheft in eine Last verwandeln. Das ist vor allem dann der Fall, wenn es zu früh zu sehr ins Detail geht. Felix Gass vom PSL – Packaging Strategy Lab weist darauf hin, dass ein sehr detailliertes Lastenheft frühzeitig eine scheinbare Präzision erzeugen kann. Der Auftraggeber legt sich dadurch möglicherweise bereits auf eine Richtung fest, obwohl zunächst geklärt werden müsste, welche Technologie die Anforderungen am besten erfüllt.

„Eine Maschine kann jede heutige Anforderung erfüllen und trotzdem die falsche Investition sein. Das klassische Lastenheft erkennt dieses Risiko häufig nicht. Es beschreibt vor allem, was das Unternehmen bereits kennt: Taktzahlen, Formate und Materialien der bestehenden Anlage werden übernommen und damit unbemerkt zum Maßstab für die Zukunft“, sagt Gass. Bei einer Ersatzbeschaffung funktioniere das. Problematisch werde es, wenn eine technologische Plattform für die nächsten zehn bis fünfzehn Jahre gesucht wird. „Dann muss geklärt sein, welche Veränderungen bei Materialien, Formaten, Mengen und Automatisierung die Anlage künftig bewältigen soll“, so der Berater.

 

Das Problem vor der Lösung definieren

Vor einer Ausschreibung sollten Unternehmen einige grundlegende Fehler vermeiden, damit Innovationspotenzial nicht ungenutzt bleibt. Felix Gass warnt beispielsweise davor, eine bekannte Lösung auszuschreiben, bevor das Problem verstanden ist. „Dazu kommen ungeprüft übernommene Kennzahlen, zu viele Muss-Kriterien und ein Preisvergleich, bevor technisch klar ist, was verglichen wird“, so Gass.

Stattdessen sollte ein klar definierter Zielzustand im Mittelpunkt stehen, auf den systematisch hingearbeitet wird. Nach den Worten von Gass bietet das klassische Lastenheft dafür nur begrenzt Raum, weil darin meist der bestehende Zustand fortgeschrieben werde.

Messegeschehen Technik und Prozesse
Ein technologieoffener Beschaffungsprozess erweitert den Lösungsraum bei der Auswahl einer Verpackungsmaschine.

Warum sind Lastenhefte dennoch weiterhin Standard bei der Beschaffung von Verpackungsmaschinen? Für Gass liegt das häufig weniger an der technischen Qualität alternativer Lösungen als an der Frage, wie sich ihre Auswahl intern begründen lässt. Bewährte Technologien verfügen dagegen über Referenzen und vertraute Kennzahlen. Neue Ansätze stoßen daher nicht selten zunächst auf Vorbehalte. Schließlich ist damit auch ein höheres Maß an Unsicherheit verbunden. Um diese Hürden zu überwinden, rät Gass, Kriterien, Gewichtungen und geforderte Nachweise bereits vor dem Vergleich festzulegen. „Das Bewertungsmodell schafft damit die Voraussetzung, auch innovative Lösungen belastbar beurteilen und vertreten zu können“, betont der Gründer des PSL – Packaging Strategy Lab.

Technologieoffener Beschaffungsprozess als Alternative

Unternehmen, die in eine neue Verpackungsmaschine investieren, möchten sicherstellen, dass ihre Investition auch in Zukunft tragfähig ist. Gerade angesichts veränderlicher Rahmenbedingungen muss eine Anlage während ihrer Nutzungsdauer neue Anforderungen bewältigen können – etwa PPWR, Fachkräftemangel, schwankende Mengen, Automatisierung und Robotik. Felix Gass bringt es auf den Punkt: „Zukunftsfähigkeit steckt nicht im Auslieferungszustand. Sie zeigt sich in den Kosten der Änderungen, die später kommen.“

Am Anfang steht für ihn deshalb die Frage, welche Fähigkeiten das Produktionssystem in den kommenden Jahren braucht. „Erst daraus ergibt sich, welche Maschine dafür in Betracht kommt.“

Der Vorteil eines technologieoffenen Verfahren besteht darin, dass es den Lösungsweg nicht vorgibt. Gerade deshalb müssen Anbieter umso genauer erklären, wie ihr Ansatz funktioniert, unter welchen Bedingungen die zugesagte Leistung erreicht wird und wo seine Grenzen liegen. „So bleibt der Lösungsraum offen, ohne dass die Anforderungen an Verlässlichkeit sinken“, betont Gass.

 

Drei Tipps für die Beschaffung von Verpackungsmaschinen

Ein guter Beschaffungsprozess schafft eine belastbare Grundlage für die Wahl einer Technologie, die zur weiteren Entwicklung des Unternehmens passt und auch unter veränderten Bedingungen wirtschaftlich betrieben werden kann. Felix Gass empfiehlt:

 

  1. „Beginnen Sie nicht mit dem Lastenheft und nicht mit der Anbieterliste. Beginnen Sie mit der Zukunft, für die Sie investieren: Portfolio, Materialien, Mengen, Automatisierung, und welche Abhängigkeiten Sie bewusst eingehen wollen. Danach bauen Sie das Bewertungsmodell, bevor das erste Angebot eintrifft.“
  2. „Schauen Sie dabei genau auf die heutige Produktion: Wo entstehen Verluste durch Formatwechsel, geringe Verfügbarkeit oder fehlende Flexibilität? Welche Anforderungen haben sich in den letzten Jahren verändert? Daraus ergibt sich, welche Probleme die nächste Anlage tatsächlich lösen soll.“
  3. „Klären Sie, wer auf Käuferseite die Übersicht über den gesamten Lösungsraum verantwortet. Jeder Anbieter kennt seine eigene Technologie genau und hat ein berechtigtes Interesse daran, dass sie gewinnt. Im Unternehmen selbst ist diese Rolle häufig nicht besetzt. Bleibt sie unbesetzt, prägt der Anbieter mit dem überzeugendsten Auftritt die Richtung.“
     

Autor

Alexander Stark
Alexander  Stark
Redakteur FACHPACK360°