- 12.07.2026
- Länder-/Marktbericht
- Look into Europe
Bulgarien will Recycling mit Pfandsystem voranbringen
Bulgariens Verpackungsmarkt wächst mit der zunehmenden Kaufkraft und steigenden Importen, bleibt im europäischen Vergleich jedoch klein. Defizite bei Recycling, Datenerfassung und Abfallmanagement sollen mit Reformen und einem nationalen Pfandsystem angegangen werden.
Geschrieben von Alexander Stark

Gemessen am Bruttoinlandsprodukt pro Kopf ist Bulgarien das wirtschaftlich schwächste Land der Europäischen Union. Mit einem Wirtschaftswachstum von 3,4 Prozent im Jahr 2024 und 2,4 Prozent im Jahr 2025 holt das Land im Südosten Europas jedoch stetig auf. Für 2026 erwartet die Europäische Kommission ein preisbereinigtes Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von 2,5 Prozent. Dies entspricht dem fünftstärksten Wert in der EU. Die seit Mai 2026 amtierende Regierung hat die Wirtschaftspolitik auch zu einem Schwerpunkt erklärt. Reformen sollen die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen verbessern, insbesondere für kleine und mittlere Unternehmen. Die Verpackungsbranche als Dienstleister fast aller Industrien kann davon profitieren.
Wachstum auf niedrigem Niveau
Der bulgarische Verpackungsmarkt ist angesichts einer Bevölkerung von rund 6,4 Millionen Menschen vergleichsweise klein. Die steigende Kaufkraft erhöht jedoch die Nachfrage nach Konsumgütern und industriellen Erzeugnissen und damit auch den Bedarf an entsprechenden Verpackungslösungen.
Umfassende Statistiken zum Verpackungsmarkt gibt es kaum. Allerdings meldet das bulgarische Statistikamt NSI für 2024 insgesamt 458.236 Tonnen in Verkehr gebrachte Verpackungen. Nach Materialgruppen entfielen 140.191 Tonnen auf Papier/Karton, 139.807 Tonnen auf Kunststoff, 89.373 Tonnen auf Glas, 53.136 Tonnen auf Holz, 24.332 Tonnen auf Metall und 11.398 Tonnen auf sonstige Materialien.
Nach Angaben des Marktforschungsanbieters 6Wresearch wuchsen parallel dazu die Importe von Verpackungsmaterialien. Als wichtigste Lieferländer nennen die Analysten die Türkei, Deutschland, Griechenland, Polen und Rumänien. Die Importe weisen darauf hin, dass Bulgarien bei Verpackungen stark auf internationale Handelspartner angewiesen ist. Zwar schwächten sich die Importmengen von 2023 auf 2024 leicht ab, doch die durchschnittliche jährliche Wachstumsrate von 6,9 Prozent zwischen 2020 und 2024 spricht für eine expandierende Nachfrage.
Recycling ausbaufähig
Eurostat weist Bulgarien im aktuellen EU-Vergleich als Land mit sehr niedrigen gemeldeten Verpackungsabfallmengen aus. Auf Basis von Daten aus dem Jahr 2022 nennen die Statistiker 80,9 Kilogramm Verpackungsabfall pro Einwohner. Bulgarien lag damit am unteren Ende der EU-Spanne; der EU-Durchschnitt bewegte sich 2023 bei 177,8 Kilogramm pro Einwohner.
Vor allem die Materialstruktur Bulgariens weicht laut Eurostat vom EU-Muster ab: In 26 von 27 EU-Ländern war Papier/Karton der größte Verpackungsabfallstrom; Bulgarien war die Ausnahme. Dort lag Kunststoff mit 28,4 Prozent leicht vor Papier/Karton mit 25,5 Prozent, auch hier auf Basis von 2022-Daten.
Bei der Menge der pro Einwohner recycelten Verpackungsabfälle befindet sich Bulgarien ebenfalls auf einem der hinteren Plätze in der EU. Eurostat nannte für 2022 47,2 Kilogramm recycelte Verpackungsabfälle pro Einwohner. Der EU-Durchschnitt lag 2023 bei 120,0 Kilogramm pro Einwohner. Die Recyclingquote lag bei Verpackungsabfällen insgesamt bei 58 Prozent und bei Kunststoffverpackungsabfällen bei 39,5 Prozent.
Diese Zahlen sind allerdings mit Vorsicht zu lesen. Die Europäische Umweltagentur EEA weist in ihrem Bulgarien-Profil 2025 auf Inkonsistenzen bei kommunalen Abfalldaten und Diskrepanzen bei Verpackungsabfalldaten hin. Zudem nennt die EEA eine mögliche Untererfassung der in Verkehr gebrachten Verpackungen und verweist auf Verbesserungsbedarf beim Datenqualitätsmanagement. Dadurch könnten die ausgewiesenen Recyclingquoten ein günstigeres Bild zeichnen, als es die tatsächliche Systemleistung nahelegt.
Zum Vergleich: Das Umweltministerium nennt für Bulgarien ein kommunales Recyclingniveau von Haushaltsabfällen unter 17 % und den EU-Durchschnitt mit rund 48 %. Zugleich sehen die nationalen Ziele vor, dass bis 2035 mehr als 65 Prozent der Abfälle recycelt werden soll. Das Ministerium verweist in diesem Zusammenhang auf strukturelle Defizite im Abfallmanagement: Der Anteil deponierter Abfälle liege weiterhin bei über 50 Prozent, während Bulgarien bis 2035 auf 10 Prozent kommen müsse.
Pfandsystem für Getränkeverpackungen
Um höhere Recyclingquoten und eine umfassenderen Kreislaufwirtschaft für Verpackungen zu erreichen, plant Bulgarien unter anderem ein Pfandsystem für Getränkeverpackungen. Das bulgarische Umweltministerium veröffentlichte im April 2026 einen entsprechenden Entwurf zur Änderung des Abfallwirtschaftsgesetzes. Damit soll ein rechtlicher Rahmen für die Einführung und den Betrieb eines nationalen Pfandsystems für Getränkeverpackungen geschaffen werden. Der Entwurf soll unter anderem die Rolle eines nationalen Pfandbetreibers, Rechte und Pflichten der Beteiligten, Pfanderhebung und Pfanderstattung sowie Berichtspflichten, Kontrolle und Rückverfolgbarkeit regeln. Ziel sei eine bessere getrennte Sammlung von Getränkeverpackungen und ein stabiler Strom hochwertiger recyclingfähiger Materialien.
Die bulgarische Zeitung Sega berichtete, dass für Getränke in Kunststoffflaschen oder Metallbehältern ein separat ausgewiesener Pfandbetrag vorgesehen ist, der beim Zurückgeben der Verpackung erstattet werden soll. Die Zeitung schreibt zudem, Glasflaschen könnten in einer späteren Phase einbezogen werden.
In einer Mitteilung vom Juni 2026 bezeichnete das Umweltministerium das Pfandsystem als eines der zentralen Instrumente zur Verbesserung der getrennten Sammlung und zur Erhöhung der Recyclingquoten in Bulgarien.
