- 08.08.2026
- Interview
- Frauen in der Verpackungsindustrie
- Sustainability
„Nachhaltigkeit ist ein fortlaufender Transformationsprozess“
Nachhaltigkeit ist keine Compliance-Übung – davon ist Alina Marm überzeugt. Sie leitet die globale Nachhaltigkeitsstrategie beim Druckfarbenhersteller Siegwerk. Im Women4Packaging-Interview spricht sie darüber, warum Menschenrechte und faire Lieferketten für sie untrennbar zu nachhaltiger Verpackung gehören und wieso diverse Teams gerade in Zeiten des Wandels zum Innovationstreiber werden.

Frau Marm, Sie verantworten bei Siegwerk die globale Nachhaltigkeits- und Kreislaufwirtschaftsstrategie. Was hat Sie persönlich dazu motiviert, sich beruflich mit Nachhaltigkeit zu beschäftigen, und was begeistert Sie daran?
Für mich ist Nachhaltigkeit weit mehr als ein berufliches Themenfeld. Ich bin der Überzeugung, dass wirtschaftlicher Erfolg und gesellschaftliche Verantwortung Hand in Hand gehen müssen. Gerade in einer Zeit, in der wir mit den Auswirkungen des Klimawandels, Ressourcenknappheit und zunehmenden sozialen Herausforderungen konfrontiert sind, können Unternehmen eine entscheidende Rolle dabei spielen, positive Veränderungen voranzutreiben.
Mich motiviert besonders, gemeinsam mit Kunden, Lieferanten und Kollegen daran zu arbeiten, Verpackungen nachhaltiger zu gestalten und Kreislaufwirtschaft Wirklichkeit werden zu lassen. Denn nachhaltige Verpackungen entstehen nicht an einer einzelnen Stelle, sondern nur dann, wenn alle Beteiligten gemeinsam Verantwortung übernehmen.
Diesen Ansatz spiegelt sich auch in meiner Promotion wieder. Im Rahmen meiner Forschung untersuchte ich informelle Kunststoffrecyclingsysteme in Kenia. Dabei habe ich eng mit Menschen zusammen gearbeitet, die auf Deponien und in kleinen Recyclingbetrieben unter prekären Bedingungen leben und arbeiten. Die Forschung hat dazu beigetragen zu belegen, wie eng die Lebensrealität dieser Menschen mit den globalen Ambitionen rund um Recycling und den Einsatz von Rezyklaten verbunden ist und gemeinsam mit Partnern entlang der Wertschöpfungskette Verbesserungen der Arbeits- und Lebensbedingungen möglich sind. Diese Erfahrung hat mich noch einmal in meiner Überzeugung bestärkt, dass Nachhaltigkeit nicht nur von Technologien, Materialien oder Recyclingquoten abhängt. Im Zentrum stehen immer die Menschen. Die systematischen Ungleichheiten, denen viele dieser Arbeiter ausgesetzt sind, haben meinen Glauben daran bestärkt, dass ein gerechter Wandel, eine sogenannte „Just Transition“, unverzichtbar ist.
Mit HorizonNOW 2030 verfolgt Siegwerk ambitionierte Nachhaltigkeitsziele. Welche Maßnahmen haben sich in der Praxis bereits bewährt, welche Herausforderungen bestehen noch?
Wir haben mit HorizonNOW 2030 bewusst einen ganzheitlichen Ansatz gewählt. Nachhaltigkeit ist für uns kein einzelnes Projekt, sondern ein integraler Bestandteil unserer Unternehmensstrategie. Denn eine der wichtigsten Erkenntnisse der vergangenen Jahre ist, dass nachhaltiger Wandel nur dann erfolgreich ist, wenn er im Kerngeschäft verankert wird und von der gesamten Organisation getragen wird.
Bewährt hat sich insbesondere unser Fokus auf klare, messbare Ziele. Dazu gehören beispielsweise die weitere Reduzierung unserer Emissionen, die konsequente Nutzung erneuerbarer Energien, unser SustainUP-Programm für eine verantwortungsvollere Lieferkette sowie die Entwicklung von Produkten, die Kreislaufwirtschaft ermöglichen. Gleichzeitig haben wir Nachhaltigkeit stärker in regionale Verantwortlichkeiten integriert. Dadurch wird sie nicht nur auf globaler Ebene gesteuert, sondern vor Ort aktiv umgesetzt.
Eine der größten Herausforderungen bleibt die Komplexität der Transformation. Themen wie Scope-3-Emissionen, Menschenrechte in globalen Lieferketten oder die Schaffung funktionierender Kreislaufsysteme lassen sich nicht von einem einzelnen Unternehmen lösen. Sie erfordern eine enge Zusammenarbeit entlang der gesamten Wertschöpfungskette.
Mein wichtigstes Learning ist: Niemand muss von Anfang an perfekt sein. Entscheidend ist, ambitionierte Ziele zu setzen, Fortschritte transparent zu messen und die Bereitschaft mitzubringen, gemeinsam mit Partnern kontinuierlich dazuzulernen. Nachhaltigkeit ist kein Zustand, den man erreicht, sondern ein fortlaufender Transformationsprozess.
Druckfarben stehen oft weniger im Fokus als Verpackungsmaterialien. Welchen Beitrag können sie tatsächlich zur Recyclingfähigkeit und Kreislaufwirtschaft leisten?
Druckfarben und Beschichtungen machen zwar nur einen kleinen Teil einer Verpackung aus, ihr Einfluss auf deren Nachhaltigkeit kann jedoch erheblich sein. Sie können mitentscheiden, ob eine Verpackung recycelbar ist, wie effizient sie recycelt werden kann und welche Materialstrukturen überhaupt realisierbar sind.
Deshalb betrachten wir Farben und Beschichtungen nicht als reinen Verpackungsbestandteil, sondern als wichtigen Hebel für die Kreislaufwirtschaft. Besonders wichtig ist dabei der Blick auf das gesamte Verpackungsdesign. Eine kreislauffähige Verpackung entsteht nur, wenn alle Komponenten optimal zusammenspielen. Innovative Druckfarben und funktionale Beschichtungen können beispielsweise dazu beitragen, Verpackungsstrukturen zu vereinfachen, zusätzliche Materialschichten zu ersetzen oder den Einsatz alternativer Materialien wie Papier für anspruchsvollere Anwendungen zu ermöglichen. Dadurch können wertvolle Ressourcen eingespart und die Recyclingfähigkeit verbessert werden.
Zwar wird kein Material und keine Technologie allein die Herausforderungen der Kreislaufwirtschaft lösen. Aber durch die gezielte Weiterentwicklung von Druckfarben und Beschichtungen können wir einen wichtigen Beitrag leisten, um nachhaltige Verpackungslösungen möglich zu machen und die Kreislauffähigkeit von Verpackungen insgesamt zu verbessern.
Der Anteil von Frauen in Führungspositionen ist auch in der Verpackungsindustrie noch ausbaufähig. Siegwerk hat sich dafür ein konkretes Ziel gesetzt. Warum sind diverse Teams aus Ihrer Sicht auch ein Innovationsfaktor?
Für mich geht es bei Diversität zunächst um Chancengleichheit und darum, dass Menschen ihr Potenzial unabhängig von Geschlecht, Herkunft oder Hintergrund entfalten können – am Ende des Tages ja für den Gewinn des Unternehmens. Gleichzeitig bin ich überzeugt, dass Vielfalt auch ein entscheidender Erfolgsfaktor für Unternehmen ist. Gerade in einem Umfeld, das sich so stark verändert wie die Verpackungsindustrie, brauchen wir unterschiedliche Perspektiven, Erfahrungen und Denkweisen. Innovation entsteht selten, wenn alle Menschen dieselben Erfahrungen teilen und Probleme auf die gleiche Weise betrachten. Die besten Lösungen entstehen häufig dann, wenn unterschiedliche Sichtweisen aufeinandertreffen, bestehende Annahmen hinterfragt werden und neue Ideen miteinander kombiniert werden.
Dabei geht Diversität natürlich weit über das Geschlecht hinaus. Als globales Unternehmen arbeiten wir täglich mit Menschen aus unterschiedlichen Kulturen, Regionen und Fachbereichen zusammen. Diese Vielfalt ist eine große Stärke. Sie hilft uns, innovative Lösungen für die Herausforderungen der Zukunft zu entwickeln und den Wandel hin zu nachhaltigeren Verpackungen erfolgreich zu gestalten. Für mich sind Diversität und Innovation deshalb eng miteinander verbunden: Je vielfältiger die Perspektiven, desto größer die Chance auf neue Ideen und nachhaltigen Fortschritt.
Redakteur: Alexander Stark, FACHPACK360°