• 22.09.2026
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Wie humanoide Roboter Lücken in der Automatisierung schließen könnten

Artikel greifen, Kartons befüllen, Behälter transportieren: Humanoide Roboter könnten Aufgaben übernehmen, bei denen häufige Wechsel die Verpackungsautomatisierung bislang erschweren. Erste Tests zeigen das Potenzial, doch Zuverlässigkeit und Wirtschaftlichkeit müssen sich im Betriebsalltag erst noch beweisen.

Geschrieben von Alexander  Stark

Ein humanoider Roboter hält eine Kunststoffkiste
Humanoide Roboter könnten Verpackung und Logistik flexibler machen, indem sie Artikel greifen, Kartons befüllen und Behälter transportieren.

Was vor wenigen Jahren noch nach Science-Fiction klang, ist inzwischen Realität: Humanoide Roboter greifen Gegenstände, transportieren Behälter und übernehmen erste Aufgaben in industriellen Prozessen. 

Die Entwicklung humanoider Roboter im Verpackungsbereich baut auf den Fortschritten auf, die Pick-and-Place-Roboter und Cobots in den vergangenen Jahren erzielt haben. Mithilfe von maschinellem Lernen und intelligenter Sensorik haben Maschinenanbieter neue Anwendungen ermöglicht und Lücken in der Automatisierung von Verpackungslinien geschlossen. Häufig wechselnde manuelle Tätigkeiten und seltene Anwendungsfälle bleiben jedoch eine Herausforderung.

Genau hier sollen humanoide Roboter künftig ansetzen: Sie könnten verschiedene Handgriffe verbinden und Aufgaben an Arbeitsplätzen übernehmen, die bisher Menschen vorbehalten waren. Das Fraunhofer IML beschreibt sie deshalb als flexible Mehrzweckroboter, die Wahrnehmung, Greifen, Fortbewegung und Interaktion kombinieren.

 

Erste Anwendungen in Verpackung und Logistik

Für Verpackungsaufgaben könnten humanoide Roboter vor allem dort neue Automatisierungsmöglichkeiten schaffen, wo kleine Losgrößen und häufige Produktwechsel flexible Abläufe erfordern. Mehrere Technologieunternehmen entwickeln dafür gezielt Modelle. 

Der US-amerikanische Entwickler Figure AI stellte 2025 eine Logistikanwendung vor, bei der humanoide Roboter Versandstücke zwischen Förderbändern umsetzen und die Etiketten zum Scannen ausrichten. Anspruchsvoll ist dabei vor allem die Vielfalt der Sendungen: Kartons, Beutel und Umschläge unterscheiden sich in Größe, Gewicht, Form und Steifigkeit. Der Roboter muss bewegte Objekte erfassen, einen passenden Griff wählen und die Sendung während der Handhabung drehen. Gesteuert wird er von Figures eigenem KI-Modell Helix. Nach Angaben des Unternehmens lässt sich das erlernte Verhalten auf weitere Roboter übertragen. Damit könnten Anwender wiederkehrende Handhabungsaufgaben trotz wechselnder Sendungsformate automatisieren.

Mit dem US-amerikanische Robotikentwickler Apptronik nimmt ein weiteres Unternehmen Verpackungsaufgaben in den Blick. Sein humanoider Roboter Apollo soll kommissionierte Artikel in Versandkartons legen und fertige Pakete an Förderbänder übergeben können, heißt es auf der Produktseite zum Verpacken im Versand. Gemeinsam mit dem Logistikdienstleister GXO erprobt Apptronik zudem konkrete Einsatzmöglichkeiten im Lager. Eine Pressemitteilung zur Kooperation nennt unter anderem den Transport von Kartons und Behältern, das Greifen einzelner Artikel und das Scannen von Barcodes als Entwicklungsziele.

Auch Bosch beteiligt sich an der Entwicklung humanoider Roboter. Ab 2027 will der Konzern im Werk Bühl Roboter für das britische Technologieunternehmen Humanoid fertigen. Als mögliche Anwendungen nennt Humanoid die Warenhandhabung sowie „Picking & Packing“ in Fulfilment-Centern und E-Commerce-Lagern. 

Ob die bei Bosch in Bühl gefertigten Roboter tatsächlich in Verpackungsprozessen zum Einsatz kommen, ist noch offen. Erste Industrieerprobungen geben jedoch Hinweise auf die dafür nötigen Fähigkeiten. Bei einem gemeinsamen Machbarkeitsnachweis mit Schaeffler in Schweinfurt entnahm ein HMND 01 metallische Lagerringe aus einem Behälter. In der ersten, ab Dezember 2026 geplanten Einsatzphase ist in Herzogenaurach unter anderem das Handling von Boxen vorgesehen, wie Reuters berichtet.

Siemens kooperiert ebenfalls mit Humanoid. Im Elektronikwerk Erlangen testete das Unternehmen den radgetriebenen HMND 01 Alpha beim autonomen Greifen, Transportieren und Ablegen von Behältern.

Damit erprobt der Roboter Fähigkeiten, die auch für Verpackungsprozesse entscheidend sind.

 

Mehrere Aufgaben flexibel miteinander verbinden

Verpacken umfasst häufig eine komplexe Folge manueller Tätigkeiten: Artikel erkennen, greifen, transportieren und ablegen, Verpackungen öffnen oder befüllen und den Vorgang digital bestätigen. Wie das Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik IML in seiner Studie „Automatisierung auf zwei Beinen? Humanoide Roboter in der Logistik“ erläutert, erschweren wechselnde Objekte, Orte und Prozesszustände eine durchgängige Automatisierung. Entscheidend ist daher nicht allein der einzelne Greifvorgang, sondern die flexible Verknüpfung mehrerer Arbeitsschritte.

Die für die Studie befragten Unternehmen erwarten von humanoiden Robotern daher weniger die Bewältigung einer besonders schwierigen Einzelaufgabe als vielmehr flexible Einsatzmöglichkeiten. Ein solches System könnte je nach Bedarf kommissionieren, Kartons befüllen, Packmittel bereitstellen oder Objekte zwischen Arbeitsstationen transportieren.

Diese Vielseitigkeit könnte besonders bei schwankender Auslastung, saisonalen Auftragsspitzen oder kurzfristigen Personalausfällen von Vorteil sein. Wirtschaftlich wird der Einsatz allerdings nur, wenn sich der Roboter ohne aufwendige Umbauten in bestehende Prozesse integrieren und schnell auf neue Aufgaben umstellen lässt.

 

Was humanoiden Robotern zur Marktreife fehlt

In Verpackungsprozessen müssen die Systeme leichte, empfindliche, unregelmäßig geformte oder nachgiebige Artikel ebenso sicher handhaben wie schwere Produkte und Kartons. Langfristig strebt die Branche deshalb eine Flexibilität an, die der des Menschen entspricht. Nach Einschätzung des Fraunhofer IML ist dieses Ziel mit der heutigen Technik jedoch noch nicht erreichbar. Für einen breiten produktiven Einsatz fehlen vor allem Greifpräzision, Geschicklichkeit und eine zuverlässige Handhabung unterschiedlichster Objekte. 

Zwar setzen bereits 65 Prozent der befragten Unternehmen Robotiklösungen ein, humanoide Systeme befinden sich jedoch ausnahmslos in Pilotprojekten oder frühen Tests. Zum Zeitpunkt der Marktanalyse konnte kein untersuchter Anbieter auf etablierte Produktivanwendungen in der Logistik verweisen.

Dennoch sind die Erwartungen hoch: Mehr als 80 Prozent der befragten Unternehmen rechnen innerhalb der kommenden zehn Jahre mit einem produktiven Einsatz humanoider Robotik, rund 40 Prozent bereits innerhalb der nächsten vier Jahre. Zugleich haben 43 Prozent der Unternehmen noch keine konkreten Einsatzpläne.

Für humanoide Roboter in der Verpackungsindustrie entscheidet sich die Zukunft daher im Betriebsalltag. Erst wenn sie wechselnde Artikel zuverlässig handhaben, mehrere Arbeitsschritte flexibel verbinden und wirtschaftlich arbeiten, kann aus einzelnen Pilotprojekten ein breiter Einsatz werden.
 

Autor

Alexander Stark
Alexander  Stark
Redakteur FACHPACK360°