- 26.09.2026
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Glasverpackungen: Von der Glasbläserpfeife zur Leichtglasflasche
Vom handgefertigten Luxusgefäß zum industriellen Alltagsprodukt: Glas hat als Verpackungsmaterial eine lange Geschichte. Heute stehen neben dem Produktschutz vor allem leichtere Flaschen, energieeffizientere Herstellungsverfahren und geschlossene Kreisläufe durch Recycling und Mehrweg im Fokus. Ein Überblick über Eigenschaften, Herstellung und Entwicklungspotenziale von Glasverpackungen.
Geschrieben von Alexander Stark

Glasgefäße zählen zu den eindrucksvollsten Exponaten archäologischer Museen. Zeugen ihre Formen und Farben doch von der Kunstfertigkeit früher Hochkulturen. Um 1500 v. Chr. waren sie noch kostbare Einzelstücke, angefertigt vor allem für Pharaonen und Könige. Um 40 v. Chr. ermöglichte die Erfindung der Glasbläserpfeife schließlich die Herstellung dünnwandiger Gefäße in größeren Stückzahlen und verwandelte Glasgefäße vom Luxusgut in einen vergleichsweise erschwinglichen Gebrauchsgegenstand. Mit dem Untergang Westroms brach auch die Glasherstellung ein und gewann erst mit der Gründung von Glashütten in Mittel- und Nordeuropa ab dem 13. Jahrhundert wieder an Bedeutung. Auf die handwerkliche Glasherstellung des Mittelalters folgten dann schrittweise technische Entwicklungssprünge. So schützten beispielsweise ab Mitte des 17. Jahrhunderts dickwandige, dunkle Flaschen aus England Getränke besser vor Licht und Transportschäden. Im 19. Jahrhundert ermöglichte die Verwendung von Formen einheitlichere Abmessungen und eingeprägte Markenkennzeichnungen. Ab den 1880er-Jahren kamen kontinuierlich arbeitende Kühlöfen und damit verbundene Produktivitätsgewinne hinzu.

Aufbauend auf jahrhundertelanger Erfahrung und den technischen Fortschritten der industriellen Revolution gelang 1903 der Sprung zur Massenproduktion: Michael Joseph Owens entwickelte die erste kommerziell erfolgreiche, vollautomatische Flaschenmaschine. Bereits das Modell von 1912 fertigte durchschnittlich mehr als 50.000 Flaschen täglich. Glasverpackungen wurden dadurch günstiger und einheitlicher. Die 1925 eingeführte IS-Maschine (Individual Section Machine) mit ihren unabhängig arbeitenden Sektionen legte schließlich die technische Grundlage der heutigen Behälterglasproduktion.
Die moderne Herstellung von Glasverpackungen läuft heute weitgehend automatisiert ab. Quarzsand, Soda, Kalk und aufbereitetes Altglas werden gemischt und bei rund 1.500 Grad Celsius geschmolzen. Anschließend wird die Glasschmelze in exakt bemessene Tropfen geschnitten. In der IS-Maschine entsteht daraus zunächst eine Vorform, entweder mithilfe von Druckluft oder durch einen Metallstempel. In der Fertigform erhält der Behälter durch Druckluft seine endgültige Gestalt. Anschließend wird er kontrolliert abgekühlt und auf mögliche Fehler geprüft.
Ein Werkstoff mit vielen Talenten
Eines der Charakteristika, für die Glas als Verpackungsmaterial seit jeher geschätzt wird, ist seine Barriereeigenschaft. Die Behälterwand lässt weder Sauerstoff noch Feuchtigkeit eindringen und weder Kohlensäure noch Aromastoffe entweichen. Mit einem geeigneten Verschluss entsteht eine hermetisch abgeschlossene Verpackung, die Geschmack, Geruch und Produktqualität schützt. „Glas ist ein inertes Verpackungsmaterial und schützt Lebensmittel und Getränke zuverlässig vor unerwünschten Wechselwirkungen“, erläutert ein Sprecher des Glasherstellers Vetropack. Neben der Lebensmittel- und Getränkeindustrie nutzen deshalb auch Kosmetik- und Pharmaunternehmen den Werkstoff, etwa für Parfümflakons, Cremetiegel und Medizinfläschchen.
Zugleich bietet Glas gestalterische Möglichkeiten. Form, Farbe, Prägungen und Veredelungen helfen dabei, Produkte unterscheidbar zu machen. Vetropack sieht darin einen weiteren Nutzen für Markenhersteller: Die Verpackung übernimmt neben dem Produktschutz auch eine Funktion bei der Positionierung des Inhalts.
Behälterglasherstellung in Deutschland
Die deutsche Behälterglasindustrie umfasst laut BVGLAS 12 unabhängige Unternehmen mit rund 9.000 Beschäftigten. Viele produzieren auch in anderen europäischen Ländern oder in den USA. Gemessen an den Produktionszahlen ist die deutsche Behälterglasindustrie die größte Europas und wächst nach wie vor: Nach Angaben des Aktionsforums Glasverpackung stieg der Absatz von Behälterglas 2025 um 2,2 Prozent auf rund 3,87 Millionen Tonnen. Sowohl im Inland als auch im Ausland wurden höhere Mengen verkauft. Gleichzeitig sank der Branchenumsatz laut Bundesverband Glasindustrie um 1,8 Prozent auf 2,55 Milliarden Euro. Der Inlandsumsatz ging um 1,3 Prozent auf 1,78 Milliarden Euro zurück, der Auslandsumsatz um 2,7 Prozent auf 768 Millionen Euro.
Bei Getränkeflaschen stieg der Absatz 2025 gegenüber dem Vorjahr um 1,4 Prozent. Während Bier und Spirituosen ein Minus von 1,6 Prozent verzeichneten, legten Wein und Schaumwein um 3,6 Prozent sowie nichtalkoholische Getränke wie Wasser, Milch und Saft um 6,1 Prozent zu.
Die Segmente Verpackungsglas für Lebensmittel sowie Pharma und Kosmetik verzeichneten 2025 zusammen ein Absatzplus von 3,6 Prozent. Bei Lebensmittelverpackungen ohne OGS (Obst, Gemüse und Sauerkonserven) stieg der Absatz um 6,1 Prozent, bei Verpackungsglas für OGS um 0,8 Prozent.

Die Entwicklung bleibt nicht stehen
Die Behälterglasindustrie entwickelt sich stetig weiter. Optimierte Formgebungsverfahren, geringere Wandstärken und teilweise thermische Härtung ermöglichen es, das Flaschengewicht zu reduzieren.
Dünnere Glaswände verringern den Materialeinsatz und reduzieren zugleich das Transportgewicht. Allerdings muss die Verpackung weiterhin den Belastungen beim Abfüllen, Transportieren und Nutzen standhalten. „Entscheidend sind weniger ein bestimmtes Mindestgewicht als vielmehr die jeweilige Anwendung und die Anforderungen entlang der Prozesskette“, betont Vetropack. Das Unternehmen bezeichnet diesen Ansatz als „Rightweighting“. Dabei werden unter anderem Produktschutz, Festigkeit, Handhabung und die technischen Anforderungen der Abfüller aufeinander abgestimmt.
Zur Bewertung von Fortschritten beim Rightweighting nutzen Glastechniker verschiedene Kennziffern. „Eine wichtige Größe ist der Alpha-Index, der das Verhältnis zwischen Volumen und dem für das Fassungsvermögen notwendigen Gewicht angibt. Dank dieser modernen Technologien und präzisen Berechnungen lassen sich Flaschen heute deutlich leichter gestalten – ohne Abstriche bei Bruchfestigkeit, Prozesssicherheit und Produktschutz zu machen“, betont der Experte von Vetropack.
Ein Beispiel ist eine thermisch gehärtete 0,33-Liter-Standard-Mehrwegflasche, die seit 2024 in der österreichischen Brauindustrie eingesetzt wird. Nach Angaben von Vetropack ist sie gegenüber herkömmlichen Mehrwegflaschen bis zu 30 Prozent leichter und zugleich widerstandsfähiger. „In Verbindung mit der hohen Umlaufanzahl verringert sich der Ressourcenverbrauch pro Nutzung deutlich“, betont der Glashersteller.
Altglas und neue Schmelztechnik sparen Ressourcen
Eine weiterer Pluspunkt für die Kreislauffähigkeit von Behälterglas ist die Tatsache, dass es sich immer wieder recyceln lässt, ohne an Qualität zu verlieren. Aus einer leeren Saftflasche kann ein Gurkenglas werden, aus dem Marmeladenglas ein Parfumflakon. Glasverpackungen, die in den Altglascontainer gelangen, können zu wertvollen Altglasscherben aufbereitet und für neue Glasbehälter genutzt werden.
Wie hoch der Altglasanteil ausfällt, hängt unter anderem von der Glasfarbe und den Anforderungen an die Verpackung ab. Voraussetzung für den erneuten Einsatz sind allerdings ein funktionierendes Sammelsystem sowie eine Aufbereitung, bei der störende Fremdstoffe entfernt werden. Um den Kreislauf zu schließen, besteht weiterhin Handlungsbedarf: Die Recyclingquote für Glasverpackungen lag 2024 erst bei 85,9 Prozent.
Vetropack nennt höhere Altglasanteile zudem als einen zentralen Ansatz, um die Emissionen der Produktion zu reduzieren. Rund 80 Prozent der produktionsbedingten Emissionen entstehen beim Schmelzen des Glases. Aufbereitetes Altglas ersetzt einen Teil der Primärrohstoffe und verringert den Energiebedarf dieses Prozesses. Nach Angaben des Aktionsforums Glasverpackung senken zehn zusätzliche Prozentpunkte Altglas den Schmelzenergiebedarf um rund drei Prozent. Nach eigenen Angaben will Vetropack deshalb den Altglasanteil bis 2030 auf 70 Prozent erhöhen.
Mehrweg bietet noch ungenutztes Potenzial
Neben Materialeffizienz und Recyclingfähigkeit rückt die Einbindung von Glasverpackungen in Mehrwegsysteme zunehmend in den Vordergrund. „Während Deutschland und weitere europäische Länder wie Österreich zumindest in bestimmten Getränkesegmenten über etablierte Mehrwegstrukturen verfügen, bestehen zum Beispiel in der Schweiz und in anderen Ländern noch Ausbaupotenziale“, so Vetropack. Standardisierte Mehrwegflaschen in gut organisierten Poolsystemen können Rücklauf-, Sortier-, Beschaffungs- und Abfüllprozesse vereinfachen und dadurch Ressourcenverbrauch und Emissionen senken.
Nach Einschätzung von Vetropack dürfte die Bedeutung von Mehrweg durch die Anforderungen der neuen EU-Verpackungsverordnung PPWR weiter zunehmen. Das Unternehmen erwartet deshalb in den kommenden Jahren vor allem Entwicklungen, die Mehrwegsysteme effizienter und wirtschaftlicher gestalten.
Als Beispiel nennt der Glashersteller die Digitalisierung von Mehrwegflaschen durch individuelle Data-Matrix-Codes. Diese ermöglichten es, einzelne Flaschen eindeutig zu identifizieren und zurückzuverfolgen. Dadurch ließen sich Kreisläufe besser steuern, Rücklaufquoten erhöhen und die Nutzung von Mehrwegverpackungen optimieren. „Die Kombination aus standardisierten Poolsystemen, langlebigen Glasverpackungen und digitalen Technologien bietet aus unserer Sicht erhebliches Potenzial für die weitere Entwicklung der Kreislaufwirtschaft“, erklärt das Unternehmen.
Von der Glasbläserpfeife bis zur digital gekennzeichneten Mehrwegflasche haben technische Fortschritte den Einsatz von Glasverpackungen immer wieder verändert. Die nächste Aufgabe ist, ihren bewährten Produktschutz mit weniger Material und Energie sowie verlässlichen Rücklauf- und Recyclingwegen zu verbinden.
