- 23.03.2026
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Heimtiernahrung: Wer hier spart, verliert den Kunden noch vor dem Regal
Heimtiernahrung ist ein emotionaler Markt und die Verpackung einer seiner wichtigsten Verkaufstreiber. Welche Formate, Designs und Nachhaltigkeitskonzepte 2026 gefragt sind und wie die PPWR den Handlungsdruck erhöht, erläutern Christopher Jacobs und Theresa Beck von ERBACHER the food family.

In rund 44 Prozent aller Haushalte in Deutschland lebte 2024 mindestens ein Heimtier. Über die letzten zehn Jahre ist der Bestand an Hunden in Deutschland um mehr als 30 Prozent, der von Katzen um mehr als 20 Prozent gewachsen. Im D-A-CH-Raum summiert sich die Zahl auf fast 20 Million Katzen und 12 Million Hunde. Mitbewohner, die von ihren Menschen jeden Tag ernährt werden müssen. Der Markt ist entsprechend groß – auch für die benötigten Verpackungen. Aber wie entscheidend ist die Verpackung für den Produkterfolg bei Heimtiernahrung? Welche Trends dominieren? Welche Rolle spielt das Design und was muss der Handel beachten. Gibt es Unterschiede zu Lebensmitteln für Menschen? Und schließlich: Was ändert sich mit der PPWR? Wir haben bei ERBACHER the food family, einem der führenden Anbietern im Bereich Tiernahrung, nachgefragt. Unsere Gesprächspartner: Christopher Jacobs, Teamleiter Einkauf für Verpackungs- und Marketingartikel sowie Verpackungsentwicklung und Theresa Beck, Verpackungsentwicklerin.

Wie entscheidend ist die Verpackung für Verkaufserfolg von Heimtiernahrung am POS?
Die Verpackung ist im Petfood-Bereich alles andere als ein nachrangiges Detail – sie ist ein zentraler Erfolgsfaktor. Tiernahrung ist ein hochemotionales Thema: Tierhalter möchten das Beste für ihr Tier und entscheiden oft intuitiv und schnell. Das Erscheinungsbild der Verpackung muss deshalb optisch auf höchstem Niveau sein und die Qualität des Produktes unmittelbar widerspiegeln. Wer hier spart, verliert den Kunden noch vor dem Regal.
Gleichzeitig darf man die Handling-Funktion nicht unterschätzen. Säcke für Trockenfutter sind klassischerweise eher unergonomisch, und gerade bei größeren Gebinden muss die Verpackung praktisch, stabil und gut tragbar bleiben.
Welche Verpackungstrends dominieren 2026 bei der Heimtiernahrung?
Drei Entwicklungen stechen derzeit besonders hervor: Erstens verändert sich die Produktwelt durch den Trend zu kleineren Hunden. Dadurch steigt die Nachfrage nach kleineren Verpackungsgrößen spürbar. Zweitens prägt das Phänomen des „Pet Parenting“ die Erwartungshaltung vieler Kunden. Tierhalter betrachten ihre Tiere zunehmend als Familienmitglieder, was die Emotionalität der Kaufentscheidung erhöht. Entsprechend sind aufwendigere Verpackungsdesigns und zugleich hochfunktionale, praktische Lösungen gefragt. Und drittens bleibt Nachhaltigkeit das dominierende Querschnittsthema – wie in nahezu allen anderen Konsumgüterkategorien.
Gibt es Verpackungsformen oder -arten, die besonders stark nachgefragt werden?
Im Trockenfutterbereich dominieren weiterhin Beutel und Säcke, allerdings mit einem klaren Trend zu kleineren Verpackungsgrößen, die dennoch mehrere Portionen enthalten. Im Nassfuttersegment hingegen sind Einzelportionsgrößen klar der Standard.
Besonders interessant ist die wachsende Nachfrage nach Verpackungen mit sogenanntem Paperfeel. Diese Oberflächen werden von Verbrauchern intuitiv als nachhaltiger wahrgenommen. Der Nachhaltigkeitsimpuls entsteht dabei nicht nur rational, sondern auch emotional. Er zeigt sich unmittelbar in Haptik und Optik und kann die Kaufentscheidung maßgeblich beeinflussen.
Worauf muss der Handel beim Verkauf von Tiernahrung achten?
Klarheit und Konsequenz in der Produktpräsentation sind entscheidend. Das Produkt muss richtig platziert und wirkungsvoll inszeniert werden, beispielsweise über Displays. Außerdem sollte die Marke für den Einkäufer auf den ersten Blick erkennbar sein. Kundinnen und Kunden sollten nicht suchen müssen. Wer im Regal unübersichtlich aufgestellt ist, verliert gegenüber der Konkurrenz, unabhängig davon, wie gut das Produkt ist.
Was zudem wichtig ist: Produkte sollten klar und konsistent mit ihrer Marke verknüpft sein. Markenvertrauen entsteht vor allem durch visuelle Wiedererkennbarkeit und die beginnt bei der Verpackung.

Welche Rolle spielt das Verpackungsdesign bei Tiernahrung?
Eine immense. Ein Neukunde entscheidet oft innerhalb von Sekunden anhand der Optik, ob er ein Produkt überhaupt in die Hand nimmt. Angesichts der Vielzahl an Marktteilnehmern ist Design eine zentrale Stellschraube zur Differenzierung. Das beginnt bei Farben, also beispielsweise bei natürlichen Tönen für naturnahes Futter. Es geht weiter bei der Bildsprache, also bei der Abbildung bestimmter Hunde- und Katzenrassen, die Emotionen wie Gesundheit, Aktivität und Lebensfreude vermitteln. Und es reicht bis zur gezielten Steuerung der Markenanmutung. Premium oder Discount – das entscheidet sich für Kundinnen und Kunden in wenigen Sekunden.
Darüber hinaus ist die Verpackung der wichtigste Informationsträger im Regal. Gerade im Tierfuttermarkt lesen nur wenige Kunden die Zutatenliste. Stattdessen übernehmen Claims und Icons diese Kommunikationsfunktion: „70 % Fleisch“, „grain free“, „für Gelenke“, „Senior“ – das sind die Botschaften, die wahrgenommen werden.
Nicht zuletzt transportiert die Verpackung die gesamte Markenwelt. Dabei geht es um Storytelling über die Herkunft der Zutaten, um klare Farbcodes für verschiedene Sorten oder um einen konsistenten Premium-Look mit matten Oberflächen. Viele Kunden bleiben einer Marke treu, weil sie Vertrauen in deren Erscheinungsbild entwickelt haben. Die Verpackung bildet damit die Brücke zwischen Produkt und Marke.
Gibt es bedeutende Unterschiede in den Bestimmungen für Verpackungen für Tiernahrung im Vergleich zu Lebensmittel für Menschen?
Die Unterschiede sind geringer, als man zunächst vermuten könnte. Insgesamt gilt jedoch, dass sich der Tiernahrungsbereich am Lebensmittelstandard orientiert – mit hohen Hygienestandards, klar definierten regulatorischen Vorgaben und vollständiger Rückverfolgbarkeit. Das schafft Verlässlichkeit für Hersteller, Handel und letztlich auch für die Verbraucherinnen und Verbraucher.
Was ändert sich für Sie mit der neuen europäischen Verpackungsverordnung PPWR kurz-, mittel- und langfristig?
Die Verordnung zwingt uns, in drei Geschwindigkeiten zu denken.
Kurzfristig – also in den nächsten ein bis zwei Jahren – geht es vor allem um Transparenz und Dokumentation: Nachweise über Materialzusammensetzung, Recyclingfähigkeit und Herkunft müssen bereitgestellt werden. Gleichzeitig stehen erste Designanpassungen an, etwa der Verzicht auf Verbundmaterialien, die das Recycling erschweren, sowie die Einführung erweiterter Kennzeichnungen zur Materialart und Entsorgung.
Mittelfristig, in einem Zeitraum von zwei bis fünf Jahren, werden verpflichtende Rezyklat-Quoten für bestimmte Verpackungen relevant, auch für Petfood. Das bedeutet nicht nur technische Umstellungen, sondern auch einen spürbaren Anstieg an administrativem Aufwand, den wir als Unternehmen einplanen müssen.
Langfristig führt kein Weg an der vollständigen Integration in die Kreislaufwirtschaft vorbei. Verpackungen müssen von Grund auf so entwickelt werden, dass sie mehrfach recycelt werden können. Das betrifft Materialwahl, Konstruktion und die gesamte Lieferkette. Für uns bedeutet das: Nachhaltigkeit ist kein einmaliges Projekt, sondern eine dauerhafte Entwicklungsaufgabe, die tief in unseren Prozessen verankert sein muss.
Autor: Christian Nink, Freier Fachjournalist