• 17.06.2026
  • Länder-/Marktbericht

Westbalkan: Verpackungsmarkt unter Anpassungsdruck

Der Verpackungsmarkt im Westbalkan entwickelt sich uneinheitlich. Serbien dominiert als industrieller Hub, Bosnien und Herzegowina sowie Nordmazedonien setzen Akzente in Exportnischen, während Recycling und Kreislaufwirtschaft vielerorts noch am Anfang stehen.
Karte mit den Balkan-6-Länder in Orange
Der Verpackungsmarkt im Westbalkan wächst, bleibt aber stark fragmentiert.

Der Verpackungsmarkt im Westbalkan erzählt viel über die wirtschaftliche Struktur der Region: Er ist kleinteilig, ungleich entwickelt und von deutlichen Unterschieden zwischen den einzelnen Ländern geprägt. Für Albanien, Bosnien und Herzegowina, Kosovo, Montenegro, Nordmazedonien und Serbien – auch als Westbalkan 6 bezeichnet - gibt es dabei nur lückenhafte Daten zu Verpackungsaufkommen, Verbrauch und Recycling. 

Ein informatives Bild ergibt sich dennoch: Serbien ist innerhalb dieser sechs Westbalkanländer der wichtigste industrielle Standort – und das gilt auch für Verpackungen. Mit seinen 6,6 Millionen Einwohnern ist das Land das bevölkerungsreichste unter den 6. Dahinter folgen Bosnien und Herzegowina mit etwa 3,2 Millionen Einwohnern, Albanien mit 2,8 Millionen, Kosovo mit 1,9 Millionen, Nordmazedonien mit 1,8 Millionen und Montenegro mit 0,6 Millionen. Die Weltbank erwartet für die sechs Volkswirtschaften eine verhaltene, aber wieder leicht anziehende Konjunktur: Für 2026 wurde die Wachstumsprognose auf 2,8 Prozent gesenkt, 2027 soll das Wachstum wieder 3,2 Prozent erreichen.

 

Serbien als regionaler Verpackungshub

Der serbische Verpackungsmarkt wächst stetig, getragen vor allem von der Papier- und Kunststoffverarbeitung. ReportLinker schätzt Serbiens Kunststoffverpackungsexporte von 203 Millionen US-Dollar 2021 auf 243 Millionen US-Dollar 2026; das entspricht einem durchschnittlichen jährlichen Wachstum von 3,1 Prozent. Serbische Lieferungen gehen nicht nur in die Nachbarländer, sondern auch in EU-Märkte. Bei Kunststoffboxen nennt OEC für 2024 unter anderem Deutschland, Polen und Ungarn als wichtige Zielmärkte. Für den Westbalkan selbst ist Serbien ein zentraler Lieferant. Metallverpackungen sind in der Region vor allem über Getränkedosen sichtbar und teilweise auch dort prodziert. So betreibt Ball als einer der führenden Getränkedosenhersteller in Europa in Belgrad/Zemun seit Mitte der 2000er-Jahre einen wichtigen Produktionsstandort für Aluminium-Getränkedosen. 

 

Exportnischen, Importabhängigkeit und Datenlücken

Bosnien und Herzegowina ist als Markt kleiner, zeigt aber in einzelnen Produktgruppen eine auffallende Exportstärke. Nach OEC-Daten exportierte das Land 2024 beispielsweise in der OEC-Produktkategorie Kunststoffdeckel Waren im Wert von 108 Millionen US-Dollar sowie in der Kategorie Kunststoffboxen Waren im Wert von 28,6 Millionen US-Dollar. 

Nordmazedonien hat sich insbesondere im Umfeld pharmazeutischer Primärverpackungen positioniert. Wichtige einheimische Akteure im Pharmabereich sind Alkaloid AD Skopje und Replek. Gerresheimer eröffnete 2021 in Skopje ein Werk für Kunststoffsysteme für die Pharmaindustrie.

Albanien und Montenegro bleiben dagegen deutlich kleiner und stärker importabhängig. Albanien importierte 2024 Kunststoffverpackungen im Wert von rund 1,99 Millionen US-Dollar, während die Exporte lediglich 10.960 US-Dollar erreichten (sonstige Kunststoffartikel zur Verpackung von Gütern (ohne Flaschen, Säcke, Beutel und Verschlüsse). Montenegro importierte 2024 unter derselben Zoll-Position Waren im Wert von 1,41 Millionen US-Dollar und exportierte sie lediglich im Umfang von 19.620 US-Dollar. Auch bei Glasflaschen ist das Land mit Importen von 15,3 Millionen US-Dollar klar ein Nachfragemarkt. 

Für Kosovo ist die Lage schwieriger einzuordnen. Regulatorisch ist das Land in Bewegung, doch bei öffentlich sichtbaren und vergleichbaren Handelsstatistiken zu Verpackungsprodukten bleiben die Datenlücken größer als in den übrigen fünf Ländern.

 

Zunehmende europäische Integration

Mit der zunehmenden wirtschaftlichen Integration der Westbalkanstaaten in die Europäische Union steigt auch für die Verpackungsbranche in der Region der Druck, EU-Standards wie die Abfallrahmenrichtlinie (Waste Framework Directive, WFD), die erweiterte Herstellerverantwortung (Extended Producer Responsibility, EPR) und die EU-Verpackungsverordnung (PPWR) einzuhalten. Für die Westbalkan 6 stellt die Einführung der PPWR eine erhebliche Angleichungsaufgabe dar. Der EU-Markt ist laut regionalem EPR-Policy-Brief das wichtigste Exportziel der Westbalkanländer; der Bericht nennt für 2024 einen Anteil von 77,8 Prozent an den Exporten. Damit wird die Einhaltung der Verpackungsanforderungen zu einem zentralen Faktor für den fortgesetzten Marktzugang. 

Der größte strukturelle Engpass liegt nicht allein in der Regulierung. Auch die praktische Sammlung und Verwertung hat noch Potenzial nach oben. Lebensmittelverpackungen machen dabei einen erheblichen Anteil der Siedlungsabfälle in den Westbalkan 6 aus. Dieser Abfallstrom umfasst Kunststoffe, Aluminium, Papier und Karton sowie Glas und wird bislang noch vielfach gemeinsam mit gemischten Abfällen entsorgt. Das schränkt die stoffliche Verwertung erheblich ein und verringert die Verfügbarkeit wertvoller Sekundärrohstoffe.

Eine unterentwickelte und ungleichmäßig ausgebaute Recyclinginfrastruktur hält die Recyclingquoten über alle Materialien hinweg niedrig. Die Anlagen konzentrieren sich weiterhin auf Kunststoffe, während Systeme für Papier- und Glasrecycling wirtschaftlich noch fragil sind. Die Deutsche Gesellschaft für industrielle Zusammenarbeit (GIZ) benennt den Aufbau innovativer Ansätze zur Verringerung von Kunststoffabfällen im Westbalkan als wichtiges Handlungsfeld. 

Nordmazedonien, Serbien sowie Bosnien und Herzegowina verfügen derzeit zudem über keine Glasrecyclinganlagen, die Endprodukte herstellen können. Die getrennte Sammlung von Altglasverpackungen auf lokaler Ebene hat laut der GIZ in Teilen der Region erst vor kurzem begonnen. Nur wenige kommunale Versorgungsunternehmen verfügen über die erforderliche Infrastruktur.


Wachstum ja, aber mit starken Unterschieden

Der Verpackungsmarkt im Westbalkan dürfte weiter wachsen, bleibt aber stark fragmentiert. Serbien nimmt als industrieller Verpackungshub eine Sonderrolle ein, Bosnien und Herzegowina und Nordmazedonien verfügen über einzelne Export- und Investitionsschwerpunkte, während Albanien, Montenegro und Kosovo noch stärker von Importen geprägt sind.