Wie lassen sich nachhaltige Verpackungen entwickeln, die zugleich funktional, wirtschaftlich und regulatorisch tragfähig sind? Swantje Eissing, Geschäftsfeldmanagerin Verpackung am Fraunhofer IVV, spricht im Interview über aktuelle Anforderungen aus Industrie und Handel, technische Hürden bei Monomaterialien, Barrieren und Rezyklaten sowie darüber, warum starke Netzwerke zwischen Forschung und Wirtschaft entscheidend für die Verpackung der Zukunft sind.
Was ist Ihr Schwerpunkt am Fraunhofer IVV und welche Aufgaben umfasst Ihre Rolle im Bereich Verpackung konkret?
Ich verantworte die strategische Steuerung des Geschäftsfelds Verpackung am Fraunhofer IVV. Mein Schwerpunkt liegt auf der Akquisition von Forschungs- und Entwicklungsaufträgen – sowohl in enger Kooperation mit Unternehmen als auch im Rahmen öffentlich geförderter Forschungsvorhaben. Ein wesentliches Ziel meiner Arbeit ist es, die Herausforderungen unserer Kunden zu adressieren – nämlich die Wissens- und Technologielücken, die die Wirtschaft allein nur schwer schließen kann: neueste wissenschaftliche Erkenntnisse schnell in marktfähige, nachhaltige Verpackungslösungen zu überführen und so einen direkten Mehrwert für unsere Partner zu schaffen. Im Zentrum steht die Entwicklung maßgeschneiderter Verpackungskonzepte – abgestimmt auf Produktanforderungen, Nachhaltigkeitsziele und Kundenstrategien.
Hinzu kommt die Akquise und Betreuung unserer Industriepartner. Ich gewinne neue Kunden, vertiefe bestehende Kooperationen – insbesondere mit zentralen Akteuren der Branche – und identifiziere Herausforderungen, Lücken und Trends, die wir in neue Entwicklungsfelder und Geschäftsmodelle überführen. Ein Fokus liegt dabei auf nachhaltigen Materialien wie bio- und faserbasierten Lösungen, innovativen Barrierebeschichtungen und Monomaterialien.
Welche Fragestellungen begegnen Ihnen aktuell am häufigsten aus Industrie und Handel? Nach welchen Lösungen wird gesucht?
Das Thema nachhaltige Verpackungslösungen rangiert derzeit ganz oben. Verpackungen müssen den strengen Anforderungen der Kreislaufwirtschaft gerecht werden ohne Kompromisse beim Produktschutz einzugehen. Häufig geht es um die Umstellung auf recyclingfähige Monomaterialien mit ausreichender Barrierewirkung oder aber den Einsatz bio- und faserbasierter Alternativen wie papierbasierte Lösungen mit innovativen Beschichtungen. Auch die Integration von Rezyklatanteilen bei lebensmittelnahen Anwendungen wird immer bedeutender. Unternehmen suchen maßgeschneiderte Konzepte, die PPWR-konform sind, Materialeinsatz reduzieren und in bestehende Abfülllinien passen – inklusive umfassender Tests zu Barriere, Mechanik und Lebensmittelkonformität.
Typisch ist etwa die Anfrage nach Barriereverbesserungen bei nachhaltigen Verpackungsmaterialien. Hier bündeln wir Materialentwicklung, digitale Tools zur Simulation und Pilotversuche entlang des gesamten Wertschöpfungsprozesses.
Was sind aktuell die größten technischen Hürden bei der Entwicklung nachhaltiger Verpackungen?
Der Balanceakt zwischen Nachhaltigkeit, Funktionalität und Wirtschaftlichkeit steht aus meiner Sicht ganz klar an erster Stelle. Für uns bedeutet das:
Barriere: Monomaterialien und papierbasierte Alternativen bieten oft unzureichende Barriereeigenschaften gegen Sauerstoff, Feuchtigkeit oder Fette, was zu Qualitätsverlusten führt. Lösungen wie innovative organische oder anorganische Beschichtungen (z. B. Nanocellulose) werden erforscht, müssen aber skalierbar und kosteneffizient sein.
Siegelbarkeit: Bei recyclingfähigen Mono-PE- oder Papierstrukturen fehlt es häufig an Hitzebeständigkeit und Stabilität im Verpackungsprozess, was zu unzuverlässigem Siegelverhalten führt. Neue Hochleistungs-PE-Grade und optimierte Maschinenkonzepte sind notwendig, um Prozessfenster anzupassen.
Recyclingfähigkeit & Migration: Mehrschichtkomposite sind schwer recycelbar; Rezyklate enthalten oft Verunreinigungen (NIAS), die Migration verursachen und EU-Normen verletzen. Lösungen wie lösungsmittelbasierte Reinigungsprozesse erreichen bis zu 99,8% Reinheit, erfordern aber funktionale Barrieren für den Wiedereinsatz in Lebensmittelverpackungen.
Shelf-life: Schwache Barrieren in nachhaltigen Materialien verkürzen die Haltbarkeit; Shelf-life-Modelle helfen bei Optimierung, erfordern aber umfangreiche Daten zu Transport und Lagerung.
Kosten: Höhere Produktionskosten für Rezyklate, spezielle Barrieren oder Anpassungen an Maschinen (Capex) machen Skalierung schwierig; Lieferengpässe bei nachhaltigen Materialien treiben Preise. Wirtschaftliche Machbarkeitsstudien zeigen Potenzial, wenn Reinigungsprozesse effizient sind.
Diese Hürden überwinden wir durch ganzheitliche Ansätze: Materialentwicklung, Simulation, Tests und Pilotversuche, zum Beispiel in Projekten wieCIRCULAR FoodPack.
Was begeistert Sie am meisten an der Forschung im Bereich Verpackungen und Ihren Aufgaben?
An der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Markt zu wirken, ist etwas ganz Besonderes. Wenn innovative Forschungsergebnisse zu greifbaren Lösungen für reale Herausforderungen von Unternehmen werden. Dabei reizt es mich scheinbar unlösbare Fragestellungen mit dem Know-how unserer Experten und Expertinnen zu koppeln. Jeder Erfolg – sei es eine neue Barrierebeschichtung oder ein Kreislaufkonzept – zeigt: Hier entsteht nachhaltige Verpackung der Zukunft!
Besonders am Herzen liegt mir die Vernetzungsarbeit. Als wissenschaftliche Betreuerin der Arbeitsgruppe Verpackung der IVLV (Industrieverband Lebensmitteltechnologie und Verpackung e. V.) fördere ich den fachlichen Austausch zwischen Forschung und Industrie und bringe neue Impulse für gemeinsame Entwicklungsaktivitäten ein. Darüber hinaus organisiere ich die sogenannten „Zukunftstage Verpackung“, eine jährlich stattfindende Konferenz. Hier stehen aktuelle Trends, Innovationen und Perspektiven für die Branche mit Themen wie der Umsetzung der Packaging and Packaging Waste Regulation, papierbasierte Innovationen und digitale Tools im Mittelpunkt. Diese Formate bieten eine ideale Plattform, um Ideen zwischen Wissenschaft und Wirtschaft auszutauschen, neue Kooperationen anzustoßen und gemeinsam die Verpackung der Zukunft zu gestalten. Die nächsten Zukunftstage Verpackung finden im Übrigen am 21./22. April 2026 statt.
Vielen Dank für das Interview, Frau Eissing.
Autor: Alexander Stark, Redakteur, FACHPACK360°