- 18.02.2026
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Hohe Sammelquote, geringe Nachfrage: Der Glaskreislauf unter Druck
Volle Lager, fehlende Abnehmer und steigende Anforderungen: Trotz stabiler Sammelquoten wächst der wirtschaftliche Druck auf Glasrecycler. Der Glaskreislauf funktioniert – aber nicht mehr reibungslos.

Der Glasindustrie in Deutschland geht es nicht gut. Hohe Energiepreise, ein verändertes Konsumverhalten und zunehmender internationaler Wettbewerbsdruck setzen die Branche unter erheblichen Druck. Vor allem der klassische Absatz über Wein und Bier verliert kontinuierlich an Volumen, während sich der Konsum bei jüngeren Zielgruppen zunehmend in Richtung Dose verlagert. In der Summe sinkt die Nachfrage nach Glasverpackungen seit geraumer Zeit.
Zusätzlich drängen internationale Glasmengen auf den deutschen Markt, die unter deutlich günstigeren Energie- und Rohstoffbedingungen hergestellt werden. Für die heimischen Produzenten bedeutet das einen massiven Kostennachteil. Die Folgen sind sichtbar: Glashersteller haben bereits einzelne Wannen stillgelegt oder ganze Werke geschlossen.
Das Glasrecycling folgt dieser Entwicklung mit zeitlicher Verzögerung. Rückläufige Produktionsmengen in der Glasindustrie schlagen sich zwangsläufig auch in einer geringeren Nachfrage nach Sekundärrohstoffen nieder.

Die Sammelmenge oder die Altglasqualität stellen dabei kein Problem für die Glasrecycler dar, denn beides liegt auf gutem Niveau. Seit vielen Jahren erreicht Deutschland eine Sammelquote von über 80 Prozent. „Das ist auch im europäischen Vergleich ein sehr guter Wert. Auch andere Stoffströme wären sicherlich froh über eine so gute Sammelquote“, betont Marc Uphoff, bvse-Vizepräsident für den Bereich Altglas und Geschäftsführer der Reiling Glas Recycling Gmbh & Co. KG.
Hohe Sammelquoten allein garantieren jedoch noch keinen stabilen Recyclingmarkt. Spätestens dort, wo ambitionierte politische Zielvorgaben auf eine rückläufige industrielle Nachfrage treffen, geraten selbst gut etablierte Stoffkreisläufe unter Druck.
Wenn Sammelquoten auf schrumpfende Märkte treffen
Die europäische Vorgabe zur Glassammelquote lag bis einschließlich 2024 bei 70 Prozent. Ab 2025 wurde sie EU-weit auf 75 Prozent angehoben. Deutschland ging bereits zuvor über die europäische Mindestanforderung hinaus und setzte eine nationale Sammelquote von 80 Prozent fest – zehn Prozentpunkte über dem damaligen EU-Ziel. Seit 2025 gilt hierzulande nun sogar eine Quote von 90 Prozent, was 15 Prozentpunkte über der europäischen Vorgabe liegt.
Aus Sicht von Marc Uphoff ist dieses Ziel deutlich überzogen. „Wir verstehen, dass Ziele ambitioniert sein sollen und manchmal auch oberhalb einer europäischen Vorgabe liegen dürfen. 90% sind aber deutlich zu hoch und offensichtlich auch faktisch nicht zu erreichen.“ Der bvse plädiert daher dafür, die nationale Sammelquote wieder auf 80 Prozent abzusenken. Dieses Niveau liege weiterhin fünf Prozentpunkte über der europäischen Vorgabe und sei zugleich realistisch erreichbar, ohne das System unnötig unter Druck zu setzen.
Grünglasscherben: Die Lager laufen voll
Die Diskrepanz zwischen politischen Zielvorgaben und der realen Marktsituation verschärft die Lage der Glasrecycler zusätzlich. Denn während die Sammelquoten weiter steigen sollen, ist die Aufnahmefähigkeit der Glasindustrie in den vergangenen Jahren spürbar zurückgegangen. Infolge geschlossener Glaswannen und reduzierter Produktionskapazitäten fehlt es zunehmend an Abnehmern für die gesammelten Scherben.
Besonders deutlich zeigt sich dieses Problem beim Grünglas. „Beim Grünglas ist das in einigen Regionen besonders stark zu beobachten. Die Lagerplätze laufen in einigen Regionen langsam voll und es kommt jeden Tag etwas nach“, sagt Marc Uphoff.
Uphoff hält deshalb kurzfristige, pragmatische Maßnahmen für notwendig. Eine schnelle und unbürokratische Erhöhung der zulässigen Lagermengen könne helfen, einen akuten Kollaps zu verhindern. Andernfalls bestehe die Gefahr, dass Altglas nicht mehr angenommen werden könne und sich die Mengen bis in die kommunalen Sammelsysteme zurückstauten. „Das kann von niemandem gewollt sein“, betont Uphoff. Parallel dazu seien die Glasrecycler gefordert, zusätzliche Verwertungswege für überschüssige Mengen zu prüfen und weiterzuentwickeln.
Stabiler Glaskreislauf braucht stabile Rahmenbedingungen
Trotz der aktuell angespannten Marktlage blickt die Branche nicht ausschließlich pessimistisch nach vorn. „Grundsätzlich gehen wir davon aus, dass positive Impulse in der Gesamtwirtschaft auch Kaufimpulse beim Verbraucher auslösen und somit die Nachfrage gesteigert wird“, sagt Marc Uphoff. Unabhängig von konjunkturellen Effekten sei jedoch entscheidend, dass der Glaskreislauf insgesamt stabilisiert werde. Dafür brauche es ein abgestimmtes Vorgehen aller Akteure entlang der Wertschöpfungskette – von Recyclingunternehmen und Glasindustrie über duale Systeme, Abfüller und Handel bis hin zu Kommunen sowie privaten und kommunalen Entsorgungsdienstleistern.
Eine zentrale Voraussetzung dafür sieht Uphoff in verbesserten Rahmenbedingungen für die nationale Glasindustrie. Wettbewerbsfähige Energie- und Strompreise seien notwendig, damit sich die inländische Glasproduktion wieder wirtschaftlich betreiben lasse. Davon würde auch das Glasrecycling profitieren.
Ein weiterer Abbau von Produktionskapazitäten hätte aus Sicht des Recyclingverbandes weitreichende Folgen. Gerade angesichts zunehmender geopolitischer Spannungen seien nationale Kapazitäten für Behälterglas ein wesentlicher Baustein für Versorgungssicherheit in Krisensituationen. Kurzfristig, so Uphoff, ließe sich die angespannte Lage der Glasrecycler zumindest abfedern, wenn Lagerflächen schnell und unbürokratisch zur Verfügung gestellt würden – insbesondere für die derzeit weiter wachsenden Mengen an Grünscherben.
Autor: Alexander Stark, Redaktion FACHPACK360°