- 14.06.2026
- Artikel
- Machinery Change
Vom QR-Code zur Datenbasis: Was der Digitale Produktpass für Verpackungen bedeutet
Mit der Ökodesign- und Verpackungsverordnung sowie dem Digitalen Produktpass steigen in der EU die Anforderungen an Produktdaten, Kennzeichnung und Nachweisprozesse. Für Verpackungsunternehmen wird entscheidend, Daten früh zu strukturieren, Lieferketten einzubinden und digitale Systeme so aufzusetzen, dass Informationen künftig interoperabel, aktuell und auditfest verfügbar sind.

Die EU-Ökodesign-Verordnung ESPR ist seit dem 18. Juli 2024 in Kraft und setzt den Rahmen für produktgruppenspezifische Anforderungen. Rechtsakte sollen künftig klären, welche Angaben zu Haltbarkeit, Reparierbarkeit, Ressourceneffizienz, Recyclingfähigkeit, Rezyklatanteil, Stoffen von Besorgnis und Informationspflichten elektronisch verfügbar gemacht werden sollen. Ermöglichen soll das der Digitale Produktpass. Dabei handelt es sich nicht um ein einzelnes PDF und keine zentrale Datenbank, sondern um eine strukturierte, interoperable Datenbasis. Der Zugriff erfolgt über einen Datenträger wie QR-Code, Wasserzeichen oder eine vergleichbare Lösung, je nach Vorgabe auf dem Produkt, der Verpackung oder den Begleitunterlagen. Welche Daten enthalten sein müssen und wer Informationen sehen, ändern oder aktualisieren darf, wird je Produktgruppe geregelt.
„Der Digitale Produktpass (DPP) geht deutlich über die bisherige Produktdokumentation hinaus“, erklärt David Villamil, Product Manager beim Automatisierungsspezialisten SEW-Eurodrive. Während klassische Dokumente wie Datenblätter oder Zertifikate meist statisch und isoliert seien, basiere der DPP auf strukturierten, standardisierten und maschinenlesbaren Datenformaten und definierten Begriffen, so Villamil weiter. „Dadurch können die geforderten Angaben zu den Produkteigenschaften effizienter verarbeitet und geteilt werden.“
Ein weiterer zentraler Unterschied liegt laut David Villamil in der Lebenszyklus-Orientierung. „Klassische Dokumentation deckt häufig nur die Phase der Inverkehrbringung ab. Der DPP hingegen begleitet ein Produkt über seinen gesamten Lebenszyklus – von der Entwicklung über die Nutzung bis hin zum Recycling“, betont Villamil. Zudem könne der DPP kontinuierlich aktualisiert werden, „beispielsweise bei Materialänderungen oder durchgeführten Reparaturen“. Im Gegensatz dazu würden klassische Dokumente häufig schnell veralten und nicht mehr den aktuellen Stand des Produkts abbilden.
PPWR, ESPR und Digitaler Produktpass als Gesamtpaket
Für die Verpackungsindustrie ist vor allem ein Aspekt wichtig: Die ab 12. August 2026 geltende EU-Verpackungsverordnung PPWR führt zwar vorerst keinen allgemeinen Digitalen Produktpass für Verpackungen ein, sie bringt aber neue Anforderungen an Verpackungsdaten, Kennzeichnung und digitale Informationsbereitstellung. Die Verpackungsverordnung erfasst Verpackungen unabhängig von Material oder Herkunft. Vorgesehen sind harmonisierte Labels, digitale Datenträger für bestimmte Informationen, Vorgaben für wiederverwendbare Verpackungen und digitale Kennzeichnung für Stoffe von Besorgnis.
Wenn das verpackte Produkt selbst unter einen Digitalen Produktpass fällt, sollen Produkt- und Verpackungsinformationen nach den Plänen der Europäischen Kommission über denselben Datenträger zugänglich sein, aber unterscheidbar bleiben. Unternehmen mit Bezug zu prioritären ESPR-Produktgruppen, etwa Stahl- und Aluminiumverpackungen samt Zulieferketten sowie Farben, Lacke, Druckfarben und Beschichtungen, sollten Datenmodelle und Nachweisprozesse früh abstimmen. „Wer ESPR, Digitalen Produktpass, PPWR und Labelling getrennt behandelt, riskiert Doppelarbeit, Widersprüche und Retrofit-Kosten“, betont beispielsweise Jenny Walther-Thoss vom Beratungsunternehmen BP Consultants.
Wer ist für die Daten verantwortlich?
Mit Blick auf den DPP ist die Verantwortung dezentral organisiert, aber klar zugeordnet – nach dem sogenannten „Owner-Prinzip“. „Das bedeutet, dass jeder Akteur für die Bereitstellung und Qualität seiner eigenen Daten verantwortlich ist“, so Villamil.
Konkret seien Komponentenlieferanten für ihre Material- und Komponentendaten zuständig. Verpackungshersteller und Maschinenbauer verantworten ihre jeweiligen Produktdaten. Die Gesamtverantwortung für das Endprodukt bzw. die Maschine liege beim Maschinenbauer.
„Plattformbetreiber hingegen übernehmen primär die technische Bereitstellung der Infrastruktur, stellen also sicher, dass die Daten effizient erfasst, verarbeitet und zugänglich gemacht werden können, ohne jedoch inhaltlich für die Daten verantwortlich zu sein“, erläutert Villamil.
Automatisierung hilft bei der Umsetzung
Der Produktmanager sieht dabei vor allem in der Automatisierung den Schlüssel dazu, den DPP sowie die Anforderungen der PPWR skalierbar und auditfest umzusetzen. „Dazu gehören insbesondere die automatische Datenerfassung, etwa über ME-Systeme, sowie die Integration bestehender ERP- und PLM-Systeme“, sagt Villamil. Digitale Zwillinge würden zudem eine durchgängige Rückverfolgbarkeit entlang des gesamten Produktlebenszyklus ermöglichen. „Ergänzend sorgen standardisierte Schnittstellen (APIs) für einen effizienten und konsistenten Datenaustausch zwischen allen Beteiligten“, betont er weiter. „Automatisierungstechnik und Software helfen, manuelle Fehler zu vermeiden, die Datenqualität zu verbessern und die Prozesseffizienz zu steigern.“
Damit Daten entlang der Lieferkette effektiv funktionieren, nennt Villamil vier zentrale Voraussetzungen. Erstens brauche es eindeutige Identifikatoren, damit jedes Produkt zweifelsfrei zugeordnet werden kann, etwa über Identification Links gemäß IEC 61406. Zweitens seien standardisierte Begriffe und Datenmodelle entscheidend. Die Produkteigenschaften müssten auf klar definierten Semantiken beruhen, etwa auf internationalen Normen von ISO oder IEC sowie dem IEC 61360 Common Data Dictionary. Drittens komme es auf interoperable Systeme an, die über Unternehmensgrenzen hinweg miteinander kommunizieren können. Ein geeignetes Regelwerk dafür werde unter anderem in den Normen von CEN-CENELEC JTC 24 spezifiziert. Viertens brauche es eine klare Data Governance. Es müsse eindeutig geregelt sein, wer Daten erstellen, ändern und einsehen darf, um Datenqualität, Sicherheit und Vertrauen entlang der Lieferkette sicherzustellen.
Als häufigsten Fehler sieht Villamil, dass Unternehmen zu spät mit der Vorbereitung beginnen. Betriebe sollten frühzeitig analysieren, welche Daten bereits vorhanden sind, etwa zu Materialien, Gewicht, Recyclingfähigkeit oder CO₂-Fußabdruck. Ebenso wichtig sei es, Lieferanten rechtzeitig einzubinden, weil ein großer Teil der relevanten Informationen entlang der Lieferkette entsteht. Darüber hinaus empfiehlt Villamil, relevante DPP-Standards und delegierte Rechtsakte kontinuierlich zu verfolgen und, wo möglich, aktiv an ihrer Ausgestaltung mitzuwirken.