- 07.02.2026
- Artikel
Die Faser aus dem Moor: Paludikultur als Rohstoffquelle
Was in der Vergangenheit als landwirtschaftliche Problemfläche galt, wird zum Klimabaustein mit industriellem Potenzial: Paludikultur verbindet Moorwiedervernässung mit Nutzung – senkt Emissionen drastisch und eröffnet der Verpackungsindustrie neue Wege zu klimafreundlichen Fasern und Materialien.

Moorflächen galten lange als Hindernis für eine landwirtschaftliche Nutzung. Heute rücken sie als Teil des Klimaschutzes in den Fokus. Paludikultur verbindet beide Aspekte. Sie ermöglicht die land- und forstwirtschaftliche Nutzung von Pflanzen, die auf nassen oder wieder vernässten Moorstandorten wachsen. Entscheidend ist dabei, dass der Torfkörper erhalten bleibt oder sich neu bilden kann. Das ist aus Klimasicht zentral, denn entwässerte Moore gehören zu den größten Emissionsquellen der Landwirtschaft.
„Obwohl nur 7% der Landwirtschaft auf trockengelegten Mooren stattfindet, sind diese 7% Fläche für 37% der Treibhausgasemissionen der Landwirtschaft bzw. 7% der gesamten Treibhausgasemissionen Deutschlands verantwortlich“, erklärt Dr. Clemens Kleinspehn vom Greifswald Moor Centrum. Die Ursache ist simpel. Wird Moor entwässert, zersetzt sich der Torf und setzt große Mengen CO₂ frei. Paludikultur kehrt diesen Effekt um. „Darüber hinaus können mit dem Moor assoziierte Ökosystemleistungen, wie Regulation des Mikroklimas, Hochwasser- und Dürreschutz, Gewässerreinigung, sowie Förderung moortypischer und moorspezifischer Biodiversität durch Paludikultur teilweise wiederhergestellt werden“, so Kleinspehn.

Vom Moor zum Karton
Für die Verpackungsindustrie ist Paludikultur vor allem wegen der Pflanzen interessant, die dort wachsen. Viele Paludikulturarten sind grasartig und damit für die Fasergewinnung geeignet. „Aus grasartiger Biomasse lässt sich Zellstoff gewinnen, der in der Papierherstellung oder Altpapieraufbereitung als Frischfaser, an Stelle von Holzfaser, zugeführt werden kann“, beschreibt Kleinspehn. Perspektivisch seien auch weitere Anwendungen denkbar: „Neben Papier sind noch weitere Verpackungsmaterialien wie beispielsweise biogene Kunststoffe oder mit Paludikultur genährte Myzel möglich, allerdings ist dort noch mehr Forschung und Entwicklung notwendig.“
Für die Papierherstellung werden in Deutschland derzeit vor allem Schilf, Rohrglanzgras, Großseggenriede sowie gemischtes Nasswiesenheu genutzt.
Verarbeitung: kein kompletter Neustart nötig
Ein häufiges Missverständnis ist, dass Paludifasern komplett neue Produktionslinien erfordern. Das ist nicht der Fall. Die größte Herausforderung liegt laut Kleinspehn in der Auffaserung zu längeren, recylingfähigen Fasern. „Es gibt verschiedene für Paludikultur geeignete Auffaserungsverfahren, die bereits aus der Holzauffaserung bekannt sind, wie beispielsweise mechanisches Mahlen, den Kraft-Prozess oder die Dampfexplosion“, so Kleinspehn. Nach der Faser- und Zellstoffgewinnung lassen sich die Rohstoffe in bestehende Produktionsanlagen verarbeiten.
In der Regel werden allerdings keine reinen Paludikulturpapiere hergestellt, sondern Mischpapiere. Der Anteil der Paludikultur variiert dabei je nach Bedarf oder Wunsch, wie Kleinspehn erklärt: „Aktuell wird noch getestet, wie hoch der Paludikulturanteil sein kann, ohne die Papiereigenschaften zu beeinträchtigen.“
Doch die Moorpflanzen bieten noch vielseitigere Verwendungsmöglichkeiten in Verpackungsmaterialen. Denn auch im Kunststoffbereich sieht der Wissenschaftler Potenzial. Paludikultur liefert Lignocellulose, die zu Zucker und Lignin aufgeschlossen werden kann. Zucker dient als Plattform für zahlreiche Synthesewege, etwa für Polymere wie PLA, PBS oder HMF. „Allerdings sind die Aufschlussverfahren noch kaum entwickelt. Es gibt viele Ansätze aus dem Aufschluss von Holz und Miscanthus, die auch auf Paludikultur adaptiert werden können. Bisher gibt es aber nur wenige universitäre Projekte, die sich damit auseinandersetzen.“ Hinzu kommt ein strukturelles Problem, das alle biogenen Polymerquellen betrifft: „fossile Rohstoffe sind noch viel zu billig“.
Klimabilanz: der oft übersehene Hebel
Besonders deutlich zeigt sich der Vorteil von Paludikultur in der Klimabilanz. Entscheidend ist dabei der Blick auf die vorherige Landnutzung. Denn Paludikulturen verursachen deutlich geringere Treibhausgasemissionen als die konventionelle Nutzung entwässerter Moorböden.
„Es macht einen Unterschied, ob ich meinen Zellstoff aus einem Wald beziehe, der seit 300 Jahren forstwirtschaftlich genutzt wird und dessen Treibhausgasemissionen konstant bleiben oder ob ich meinen Zellstoff aus einer neu etablierten Paludikultur beziehe, die 25t CO2-e weniger Treibhausgase pro Hektar und Jahr ausstößt als die vorherige Nutzung“, sagt Kleinspehn und ergänzt: „Die Landnutzung zur Paludikultur zu ändern verringert Treibhausgasemissionen und das sollte honoriert werden.“ Bisher werde dieser Teil des Ökosystems in vielen Berichten aber komplett ignoriert.
Momentan gibt es nur einzelne Unternehmen, die sich intensiv mit der Nutzung von Fasern aus Paludikultur beschäftigen. Zwar werden bereits konkurrenzfähige Eigenschaften erreicht, doch viele Prozesse befinden sich noch in der Entwicklung. Gleichzeitig wächst der Druck auf klassische Faserrohstoffe. „Die klassischen Faserrohstoffe geraten stärker unter Druck nachhaltiger zu werden. Aber bis zur breiten Etablierung von Fasern aus Paludikultur im Markt ist es noch ein weiter Weg“, sagt Kleinspehn.
Ein Signal aus der Praxis
Die PaludiAllianz möchte diese Entwicklung beschleunigen und vereint Akteure aus Landwirtschaft, Wissenschaft und Wirtschaft. Die Beteiligung der Otto Group ist dabei besonders sichtbar. Prof. Dr. Michael Otto setzt sich seit Jahren für den Moorschutz ein, unter anderem über die Umweltstiftung Michael Otto und die gemeinsam mit Prof. Dr. Michael Succow gegründete toMOORow-Initiative. Die Otto Group nutzt Paludikultur-Fasern bereits für Versandkartons und hat sich verpflichtet, ab 2027 alle Kartons mit dem höchstmöglichen Anteil an Paludi-Biomasse auszustatten.
„Die Selbstverpflichtung der Otto Group für 2027 ist auf jeden Fall ein wichtiges Signal an die Gesellschaft, dass die Verwendung von Paludikultur-Biomasse möglich ist“, so Kleinspehn. Zugleich verweist er auf den größeren Zusammenhang: „Auch werden die Nachhaltigkeitsziele Deutschlands ohne eine flächendeckende Moorwiedervernässung nur schwer zu erreichen sein. Das bedeutet, die Biomasse wird in jedem Fall anfallen und wir müssen Einsatzmöglichkeiten entwickeln, um den Landwirten die Umstellung auf die gesellschaftlich notwendigen Paludikulturen zu erleichtern.“
Paludikultur bleibt damit kein theoretisches Konzept. Sie entwickelt sich Schritt für Schritt zu einem Baustein für Klimaschutz, Landwirtschaft und eine nachhaltigere Verpackungswirtschaft.
Autor: Alexander Stark, Redakteur FACHPACK360°