• 21.04.2026
  • Interview

Biogene Rohstoffe sind nicht automatisch sinnvoll, sagt der WWF

Kann der künftige Bedarf an Verpackungen in Deutschland aus biobasierten Rohstoffen mit möglichst geringem und ökologisch verträglichem Biomasseeinsatz gedeckt werden? Dieser Frage geht der WWF Deutschland in seiner aktuellen Studie nach. Das Fazit: Biogene Rohstoffe in Verpackungen sind vor dem Hintergrund des bis 2045 prognostizierten Verpackungsverbrauchs nicht automatisch die bessere Wahl.
Ein Karton mit verschiedenen biogenen Rohstoffen auf einem grünen Feld
Biobasierte Primärmaterialien müssen nach Ansicht des WWF gezielt und im Einklang mit Treibhausgasneutralität, Ressourceneffizienz und Biodiversität eingesetzt werden.

Ende März hat der WWF die Ergebnisse der Studie „Einsatz biobasierter Rohstoffe in Verpackungen im Sinn der Kreislaufwirtschaft sowie des Natur- und Klimaschutzes“ auf dem Deutschen Verpackungskongress in Berlin vorgestellt. Die vom ifeu - Institut für Energie- und Umweltforschung Heidelberg und der GVM – Gesellschaft für Verpackungsmarktforschung durchgeführte Studie betrachtet 13 biogene Rohstoffe und bewertet mithilfe ökobilanzieller Berechnungen die Auswirkungen aus der Verwendung biobasierter Rohstoffe auf drei zentrale Indikatoren: Fläche, Energie und Wasser. Dabei wird unterschieden, ob aus dem jeweiligen Rohstoff eine faserbasierte Verpackung (PPK-Verpackung) oder eine Kunststoffverpackung produziert wird. 

Vor dem Hintergrund des bis 2045 prognostizierten Bedarfs an Verpackungen in Deutschland analysiert die Studie, welche biobasierten Rohstoffe künftig verfügbar sein werden, welche ökologischen Herausforderungen damit verbunden sind und welche Alternativen sowie Optimierungspotenziale sich ableiten lassen.

Kernergebnisse der Studie

 
  • Biobasierte Kunststoffe sind bei identischen Ausgangsrohstoffen in der Herstellung energieintensiver und führen zu höheren Umweltbelastungen als papierbasierte Verpackungen.
  • Alternative Zellstoffquellen wie Laub, Gras, Silphie oder Agrarreststoffe können den Flächenfußabdruck signifikant reduzieren, ohne dabei den Energie- oder Wasserverbrauch wesentlich zu erhöhen.
  • Die Nutzung von Neben- und Reststoffe wie Tallöl, Altholz und Altpapier verursacht die geringsten Umweltwirkungen in Bezug auf Flächen- und Energiebedarf. Allerdings ist der Wasserverbrauch bei der Kunststoffherstellung aus Altholz und Altpapier höher.
  • Trotz des rückläufigen Verpackungsaufkommens und eines steigenden Anteils an Recyclingmaterialien nimmt der Flächen- und Wasserbedarf durch den wachsenden Einsatz biobasierter Kunststoffe zu.
  • Der Einsatz biobasierter Rohstoffe für die Herstellung von Kunststoffverpackungen wird weder als vorrangige Handlungsoption noch als gleichwertiger Ersatz eingestuft.
  • Zwischen Flächen- und Energiebedarf besteht ein Zielkonflikt: Alles, was weniger Fläche braucht, benötigt mehr Energie und umgekehrt.

Nicht automatisch die bessere Wahl

Auf dem Deutschen Verpackungskongress Ende März 2026 zogen Tom Ohlendorf und Tina Kussin mit Blick auf die Studienergebnisse eine klare Schlussfolgerung: Biobasierte Packstoffe sind vor dem Hintergrund des bis 2045 prognostizierten Verpackungsverbrauchs nicht automatisch die bessere Wahl. Mehr biogene Rohstoffe in und für Verpackungen führen nicht automatisch zu einer Entlastung der Ökosysteme.

Ursächlich dafür ist nach Aussage von Ohlendorf und Kussin vor allem der Verbrauch an Fläche und Wasser, der mit der Menge eingesetzter biobasierter Primärmaterialien zwangsläufig ansteigt. Gleichzeitig ist Biomasse jedoch nur begrenzt verfügbar und steht bereits jetzt unter hohem Nutzungsdruck – Tendenz steigend. 

Tina Kussin, Projektmanagerin Materials & Circularity, Transformation Politik & Wirtschaft des WWF Deutschland
Tina Kussin, Projektmanagerin Materials & Circularity, Transformation Politik & Wirtschaft des WWF Deutschland
Tom Ohlendorf, Senior Manager Circular Economy focus on Packaging des WWF Deutschland
Tom Ohlendorf, Senior Manager Circular Economy focus on Packaging des WWF Deutschland

Im Endeffekt werden die eigentlich positiven Effekte durch den bis 2045 prognostizierten, sinkenden Bedarf an Verpackungen durch den steigenden Einsatz biobasierter Rohstoffe weitestgehend wieder aufgezehrt. „Das zeigt noch einmal, dass eine reine Veränderung des Verpackungsverbrauchs nicht ausreicht. Es braucht eine gezielte Optimierung beim Einsatz biogener Rohstoffe“, so Kussin.

 

Fazit

Das Fazit von Kussin und Ohlendorf auf dem Kongress: Biobasierte Primärmaterialien müssen nach Ansicht des WWF gezielt und im Einklang mit Treibhausgasneutralität, Ressourceneffizienz und Biodiversität eingesetzt werden. Reststoffe und Nebenprodukte müssen priorisiert, Recyclinganteile erhöht und Mehrwegsysteme mitgedacht werden. „Materialentscheidungen brauchen Daten, nicht Bauchgefühl. Vergleichende LCAs liefern die Grundlage“, so Tom Ohlendorf auf dem Kongress.

Nachgefragt:

Sollte Kunststoff durch faserbasierte Materialien substituiert werden?

WWF: Faserbasierte Materialien statt Kunststoff klingt als Lösung erst mal gut – aber so einfach ist es nicht. Der pauschale Austausch löst das Problem nicht, er verlagert es oft nur. Bereits heute bestehen mehr als 60 Prozent der Verpackungen aus biobasierten Materialien wie Holz und Zellulose. Wenn wir diesen Anteil weiter steigern, erhöhen wir den Druck auf unsere Wälder. Die sind Lebensraum für Biodiversität und gleichzeitig Kohlenstoffsenken im Klimasystem. 

Unsere Studie zeigt noch ein weiteres Problem: Bei der Substitution werden vermehrt faserbasierte Verbundmaterialien eingesetzt, die wegen Beschichtungen und Materialkombinationen häufig nur eingeschränkt recyclingfähig sind. Das verursacht zusätzliche ökologische Probleme. Trotzdem können faserbasierte Verpackungen in bestimmten Anwendungen ökologisch sinnvoll sein – wenn sie auf Recyclingfasern basieren, gut in bestehende Kreislaufsysteme integriert sind und eine hohe Recyclingfähigkeit aufweisen. Oder wenn problematische Kunststofflösungen gezielt ersetzt werden.

Entscheidend ist daher nicht nur der Materialwechsel, sondern eine systemische Betrachtung über den gesamten Lebenszyklus hinweg. Ressourcenflüsse verringern und verlangsamen, Materialkreisläufe konsequent schließen – das bleibt die eigentliche Aufgabe.

Sollten biogene Reststoffe auf PCR-Quoten angerechnet werden?

WWF: Überlegungen, Anteile biogener Rohstoffe in Kunststoffverpackungen auf geltende Mindestrezyklatquoten der PPWR anzurechnen, sind ökologisch nicht zu empfehlen. Stattdessen sollte der Fokus darauf liegen, die Verfügbarkeit und Qualität von PCR gezielt zu erhöhen – durch besseres Verpackungsdesign, höhere Sammelquoten und den Ausbau hochwertiger Recyclingkapazitäten. Der Ersatz fossiler Rohstoffe durch biogene würde lediglich eine Abhängigkeit durch eine andere ersetzen, verbunden mit neuen ökologischen Risiken.

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Umweltauswirkungen mit Blick auf Fläche, Energie und Wasser im Rahmen der prognostizierten Entwicklung des Verpackungsverbrauchs bis 2045

Welche Rolle spielt die Reduktion des Verpackungsaufkommens?

FACHPACK360°: Als Teil der „wesentlichen Schlussfolgerungen“ spricht die Studie von einer deutlichen Reduktion des Verpackungsaufkommens als Schlüsselfaktor und in diesem Zusammenhang von einer weitreichenden Vermeidung von Verpackungen als oberste Priorität. Was genau meinen Sie damit? Verpackung ist ja im Normalfall kein Selbstzweck. In welchen Bereichen ist ein großflächiges Vermeiden von Verpackung aus Sicht des WWF möglich und wie entscheidend wäre dieser Effekt am Ende wirklich?  

WWF: Potenziale liegen vor allem im Handel und Versand: Vorkonfektioniertes Obst und Gemüse kann häufig unverpackt oder in Mehrwegsystemen angeboten werden, Stichwort Girsack. Trockene Lebensmittel wie Reis, Nudeln oder Müsli lassen sich auch unverpackt als Refill-Lösung abfüllen. Bei vielen Non-Food-Produkten wie Bücher, CDs oder Spielwaren sind zusätzliche Folien, Blister oder Hängeverpackungen oft funktional nicht notwendig. Auch Versand- und Umverpackungen bei Kosmetik, Cerealien oder Getränken lassen sich in vielen Fällen reduzieren.

Das mengenmäßige Einsparpotenzial ist im Vergleich zur Gesamtverpackungsmenge zwar begrenzt, aber dennoch relevant – vor allem, weil diese Verpackungen häufig ohne Qualitäts- oder Sicherheitsverlust vermeidbar sind. Entscheidend ist: Jede vermiedene Verpackung spart Ressourcen, Energie und Emissionen von Anfang an ein, unabhängig vom Material. Die Gretchenfrage bleibt: Welche Verpackungen brauchen wir überhaupt? Oberste Priorität sollte immer das gänzliche Vermeiden sein.

Ist Biomasse als Quelle für faserbasierte Verpackungen sinnvoll?

FACHPACK360°: Eine weitere wesentliche Schlussfolgerung der Studie lautet: „Keine Nutzung von Biomasse für Biokunststoffe als Verpackungsmaterial“. Wie lautet die Schlussfolgerung mit Blick auf die Nutzung von Biomasse als Quelle für faserbasiertes Verpackungsmaterial? 

WWF: Unsere Studie zeigt, dass der Einsatz von Primärholz für Papier-, Pappe- und Kartonverpackungen deutlich reduziert werden muss, um eine Übernutzung der Waldflächen und entsprechende ökologische Folgewirkungen zu verhindern. Stattdessen sollten bevorzugt alternative Rohstoffquellen genutzt werden, die eine bessere Flächen-, Energie- und Wasserbilanz aufweisen. Dazu zählen insbesondere Sekundärrohstoffe wie Altpapier, Reststoffe und Nebenprodukte sowie Altholz, das bereits heute ein erhebliches Substitutionspotenzial bietet. Ergänzend können Ansätze wie Silphie- und Paludikulturen langfristig zu einer nachhaltigeren Rohstoffbasis beitragen.

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Prognostizierte Entwicklungen beim Verpackungsverbrauch bis 2045

Gibt es überhaupt sinnvolle Einsatzgebiete für biogene Rohstoffe?

WWF: Der Einsatz biogener Rohstoffe in Verpackungen ist vor allem dann sinnvoll, wenn er nachweisliche Umweltbelastungen reduziert und nicht nur fossile durch erneuerbare Rohstoffe ersetzt.

Am ehesten sinnvoll ist er in klar definierten Anwendungsfällen, etwa bei gut recyclingfähigen, sortenreinen Lösungen auf Basis von Altpapier oder dort, wo biobasierte Materialien schwer recycelbare oder besonders problematische Verpackungen ersetzen und gleichzeitig in funktionierende Kreisläufe eingebunden sind.

Weniger sinnvoll ist der Einsatz hingegen überall dort, wo er zu mehr Materialeinsatz, neuen komplexen Verbundstrukturen oder einer verstärkten Nutzung von Primärrohstoffen führt. 

 

Autor: Christian Nink, Freier Fachjournalist