- 22.01.2026
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Potenzial, Grenzen und Mythos von Mehrwegverpackungen aus Glas
Beim Bio-Lebensmittelhändler Alnatura betreibt man seit 2013 systematische Verpackungsarbeit und verfügt über umfangreiche Erfahrungen mit Glasmehrweg-Lösungen. Wir sprachen mit Isabell Kuhl, Abteilungsverantwortliche Nachhaltige Qualität von Alnatura über Vorteile, Potenziale und Grenzen von Glasmehrweg.

Wie sehen die übergeordneten Verpackungsziele bei Alnatura aus und wie reiht sich das Thema Mehrweg ein?
Wir haben ein sehr ganzheitliches Nachhaltigkeitsverständnis und arbeiten deshalb auch bereits seit 2013 systematisch an unseren Verpackungen. Seit 2020 haben wir klar ausformulierte Ziele: Wir wollen Verpackung so viel wie nötig, aber so wenig wie möglich einsetzen, möglichst mehrfach nutzen und grundsätzlich in Kreisläufen denken. Mehrweg ist also ein ganz zentraler Aspekt und gleichzeitig die größte Herausforderung.

Wo liegen die Herausforderungen? Sind Glas und Mehrweg im Bio-LEH nicht ein „No-Brainer“?
Man muss auf jeden Fall genau hinschauen und differenzieren. Beim Thema Verpackung gibt es immer noch eine große Kluft zwischen der gefühlten und der tatsächlichen Nachhaltigkeit. Das gilt speziell auch für Glas als Packstoff und insbesondere dann, wenn man nicht zwischen Einweg und Mehrweg unterscheidet.
Wir waren Praxispartner in einem Forschungsprojekt der Institute ifeu - Institut für Energie- und Umweltforschung Heidelberg und IÖW Institut für ökologische Wirtschaftsforschung. Dabei wurden am Beispiel von passierten Tomaten die Verpackungsalternativen Einwegglas, Mehrweg-Pfandglas und Einwegverbundkarton und am Beispiel von Mandeln die Alternativen Mehrweg-Pfandglas, Einweg-Plastikbeutel und Unverpackt untersucht.
Bei den passierten Tomaten zeigte sich, dass Einwegglas keine nachhaltige Lösung ist, weil der hohe Energieaufwand der Glasherstellung bei einmaliger Nutzung nicht kompensiert werden kann. Anders das Mehrweg-Pfandglas. Glas ist einfach ein sehr hochwertiges Material, das sich gut für die mehrfache Nutzung eignet. Ich werfe ja auch mein Trinkglas nicht nach jeder Benutzung weg. Der Verbundkarton zeigte sich als ökologisch optimierte Einwegverpackung.
Beim trockenen Schüttgut der Mandeln stellt sich als nachhaltigste Lösung heraus, die Nüsse in selbst mitgebrachten Behältern oder bereitgestellten Mehrwegbechern abzufüllen. Das zweitbeste Ergebnis erzielten dünne Plastikbeutel. Das Mehrweg-Pfandglas war dagegen keine nachhaltige Alternative. Alleine der Einweg-Metalldeckel des Mehrweg-Glases zerstört schon die Bilanz, weil er sehr viel schwerer und ressourcenintensiver ist als der leichte Beutel.
Der Idealweg, den wir für uns formuliert haben, ist: Wenn Glas, dann als Mehrwegvariante und als Ersatz für schwere Einwegverpackungen.

Wo setzt Alnatura auf Glas-Mehrweg und wo sind die Grenzen?
Langjährig etablierte Mehrwegsysteme, die bei der Bio-Kundschaft bekannt sind, gut funktionieren und nicht hinterfragt werden müssen, finden sich bei Getränken und Molkereiprodukten. Natürlich ist die Leergutlogistik bei Mehrweg immer eine Herausforderung. Das muss man einkalkulieren, beispielsweise wenn es um den Platzbedarf in den Märkten geht oder beim erhöhen Arbeitsaufwand für die Mitarbeitenden. Deshalb gilt die grundsätzlich positive Aussage erst einmal auch nur für unsere über 150 eigenen Märkte. Wir haben daneben aber auch noch Handelspartner im Inland mit anderen infrastrukturellen Voraussetzungen und dazu internationale Handelspartner in 18 Ländern mit 15.000 Filialen, wo es leider keine entsprechenden Rücknahmesysteme gibt.
Ein anderer Nachteil bei manchen etablierten Glas-Mehrwegverpackungen ist das niedrige Pfand, das oft nichts mehr mit dem tatsächlichen Wert der Verpackung zu tun hat. Hier könnte man den Anreiz zur Rückgabe durchaus erhöhen.
Wo Glas-Mehrweg im wahrsten Sinne seine Grenzen haben kann, ist der Transportweg. Wenn wir beispielsweise Tomatensoße aus Italien beziehen, ist es doch sehr fraglich, ob es nachhaltig ist, das Leergut über diese großen Distanzen zurück zu transportieren. Und schließlich ist für uns auch Babynahrung eine Glas-Mehrweggrenze. Nicht alle verwenden die empfohlenen Kunststofflöffel und Metalllöffel können einfach immer wieder zu Mikrobeschädigungen am Glas führen und damit irgendwann zum Glasbruch. So einen Rückruf will kein Produkthersteller und kein Händler. Da bleibt man dann bei der Einweglösung.
Lassen sich etablierte Mehrweg-Systeme für andere Produkte quernutzen und gibt es neue Anwendungsbereiche?
Wir experimentieren seit 2019 gemeinsam mit Partnern, ob und wie sich etablierte Mehrweggebinde für andere Produkte nutzen lassen. Die Ergebnisse sind durchwachsen. Größe und Form der etablierten Glas-Mehrwegverpackungen sind für andere Produkte oft nicht optimal. Andere Füllgrößen führen zu anderen Preisen, die auf den ersten Blick höher erscheinen. Dazu kommt, dass die Produkthersteller oft keine Spüllogistik haben oder ihre Logistik auf Einweg optimiert ist. Auch die Restentleerung ist bei etablierten Glas-Mehrweg-Formaten oft nicht optimal, beispielsweise im Fall von Cremes. Und schließlich gibt es die schon erwähnte Einschränkung, dass Glas für leichte Trockenprodukte selbst als Mehrweglösung nicht nachhaltig ist. Wir bleiben aber an dem Thema Quernutzung dran, denn die Sache ist zwar herausfordernd, aber gleichzeitig niederschwellig.
Neue, positive Erfahrungen haben mit einem Glas-Mehrwegsysteme für Öle gemacht. Da nutzen wir die dotch-Flasche, die 2024 auch den Deutschen Verpackungspreis gewonnen hat. Diese Mehrwegflasche wurde speziell für Öle konzipiert, so dass Form und Größe passen. Von Vorteil ist auch, dass dotch kein reiner Flaschenanbieter ist, sondern auch Transport und Spüllogistik anbietet. Was bleibt ist etwas Kommunikationsaufwand gegenüber den Kundinnen und Kunden, für die Mehrweg in diesem Segment neu ist.
Autor: Christian Nink, Freier Journalist