- 13.11.2025
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Kunststoffrecycling steht vor dem Kollaps
Billige Neuware, teure Energie und fehlende Nachfrage treiben das Kunststoffrecycling in Deutschland und Europa an den Rand des Zusammenbruchs. Experten warnen: Ohne rasches politisches Handeln bricht die Kreislaufwirtschaft ein.

Das Kunststoffrecycling in Deutschland steckt in einer tiefen Krise – mit Folgen für die Verpackungsindustrie und die gesamte Kreislaufwirtschaft. Die Preise für Neuware („Virgin Plastic“) aus fossilen Rohstoffen sind in den vergangenen Monaten deutlich gefallen und liegen inzwischen spürbar unter den Produktionskosten von Recyclingkunststoffen – Billigimporte sowie unzureichende Einfuhrkontrollen für recycelte und neue Polymere setzen die heimische Recyclingwirtschaft zusätzlich unter Druck.
Wie ernst die Lage ist, zeigt eine Einschätzung von Anna Roeb, Referentin für Kunststoffrecycling beim bvse (Bundesverband Sekundärrohstoffe und Entsorgung e. V.). Die wirtschaftliche Situation der Branche entwickle sich „zunehmend kritisch“. Viele Unternehmen stünden unter erheblichem Druck und meldeten aufgrund der schwachen Nachfrage Insolvenz an. Die Folge sei ein Abbau bestehender Kapazitäten. „Wir befinden uns gerade an einem Wendepunkt und die Wettbewerbsfähigkeit der Branche ist erheblich gefährdet“, so Roeb.

Europäisches Problem
Auch europaweit eskaliert die Situation. Matthias Giebel, Partner und Prokurist bei Berndt+Partner Consultants, verweist darauf, dass das Problem längst nicht mehr national begrenzt sei. Der geschätzte Umsatz der europäischen Kunststoffrecyclingbranche sei 2023 um rund 12,5 % gegenüber dem Vorjahr zurückgegangen. Seitdem habe sich die Lage weiter verschärft: „Die europäische Kunststoffrecyclingindustrie steht vor dem Zusammenbruch.“Zu den strukturellen Ursachen der Krise zählt laut Anna Roeb eine Vielzahl miteinander verknüpfter Belastungen. „Es gibt viele Faktoren, die die Kunststoffrecyclingbranche gefährden. Die Haupttreiber sind in Deutschland zum einen die hohen Energiepreise und Betriebskosten. Hier sind Recycler gegenüber anderen energieintensiven Industrien stark benachteiligt. Das muss sich dringend ändern.“ Hinzu kämen weiterhin sehr günstige Neuwarepreise sowie billige Importe, die direkt mit Rezyklaten konkurrieren. „Zum anderen ist die Nachfrage nicht ausreichend, da Hersteller noch nicht genügend Anreize haben, Rezyklate einzusetzen. Hier fehlen die politischen Rahmenbedingungen.“ Zwar sollen mit der PPWR künftig verbindliche Rezyklateinsatzquoten greifen, doch diese gelten – abgesehen von PET-Getränkeflaschen – erst ab 2030. „Diese Zeit muss überbrückt werden, sonst droht eine noch größere Rezyklatlücke“, warnt Roeb.
Fehlende Anreize für Rezyklateinsatz
Tatsächlich greifen viele Hersteller derzeit zur günstigeren Neuware, während Rezyklate preislich wie technisch oft das Nachsehen haben. Die Nachfrage nach Recyclingkunststoffen sinkt spürbar – selbst in traditionellen Verpackungsanwendungen. Investitionen in Recyclingtechnologien und innovative Verpackungslösungen werden zurückgefahren, Produktion und Wettbewerbsfähigkeit geraten zunehmend unter Druck.
Die Industrie sollte dabei nicht allein auf Maßnahmen der Verpackungshersteller hoffen, betont Matthias Giebel. „Aus unserer Sicht sind es nicht nur die Verpackungshersteller, die handeln müssen, sondern sie müssen dies gemeinsam mit den Endanwendern tun.“

Wenn nicht rechtzeitig erkannt werde, dass ab 2030 ein reales Compliance-Risiko bei Nichterfüllung der Rezyklatquoten drohe und die Nachfrage dringend steigen müsse, „dann fehlt es schlicht an Lieferanten für Rezyklat, die massiv von Konkursen bedroht sind.“ Zudem mangele es an Investitionen der Kunststoffhersteller in Advanced-Recycling-Technologien.
Für eine Stabilisierung des Marktes brauche es eine Kombination aus Nachfrageimpulsen, Kostenentlastungen und klaren Qualitäts- und Importregeln, ergänzt Roeb. Von großer Bedeutung sei ein Zugang zum Industriestrompreis, der Recycler entlasten würde. „Um die Wettbewerbsfähigkeit zu Neuware und Importen aus dem Ausland zu gewährleisten, brauchen wir verlässliche Standards und Einfuhrkontrollen“, so Roeb.
Recyclingkapazitäten gehen verloren
Die Folgen dieser wirtschaftlichen Schieflage werden inzwischen unübersehbar sichtbar. Der Druck auf die Branche zeigt sich bereits in einer wachsenden Zahl von Betriebsschließungen – besonders in klassischen Recyclingländern wie Deutschland. Mittelfristig könnte dies sogar zur Abwanderung von Verpackungsproduktionen führen. Die Entwicklung sei dramatisch, sagt Giebel: „Bis Ende 2025 wird das Gebiet voraussichtlich Recyclingkapazitäten in Höhe von fast einer Million Tonnen seit 2023 verloren haben.“ Schon zwischen Januar und Juli 2025 sei nahezu so viel Kapazität weggefallen wie im gesamten Jahr 2024; bis Jahresende könnten die Schließungen „dreimal so hoch sein wie 2023“. Nach Jahren rapider Expansion deute die Prognose für 2025 erstmals auf ein Nullwachstum hin – ein kritischer Rückschlag für die europäische Kreislaufwirtschaft. Besonders betroffen seien die Niederlande, das Vereinigte Königreich sowie Deutschland, das 2023 noch über die höchste installierte Kunststoffrecyclingkapazität in Europa verfügte.
Wie dringlich politische Korrekturen geworden sind, zeigt auch eine Analyse der europäischen Kunststoffrecycler (Plastics Recyclers Europe), auf die sich Matthias Giebel bezieht. Nach Darstellung der PRSE-Expertinnen und -Experten müssten politische Entscheidungsträger „dringend Handels- und Marktschutzmechanismen einführen, einheitliche EPR-Vorschriften gewährleisten und die Zertifizierung durch Dritte sowie harmonisierte Strafen für nicht konforme Materialien strikt durchsetzen“, um die Nachfrage nach EU-Recyclaten wieder anzukurbeln und weitere Werksschließungen zu verhindern.
Diese Maßnahmen müssten – so die von Giebel PRSE-Einschätzung weiter – durch eine Entlastung der Recyclingunternehmen flankiert werden, etwa durch den Zugang zu kostengünstiger und sauberer Energie oder durch eine deutliche Reduzierung bürokratischer Hürden bei Genehmigungen. Auch strengere Zollkontrollen und gezielte Investitionsanreize seien entscheidend, um die Wettbewerbsfähigkeit des europäischen Recyclings wiederherzustellen.
Das Fazit der PRSE fällt unmissverständlich aus: „Es ist jetzt Zeit zu handeln.“ Ein Zusammenbruch des europäischen Kunststoffrecyclingsektors – insbesondere des mechanischen Recyclings – würde die Fortschritte der vergangenen zehn Jahre im Bereich Umwelt und Innovation irreversibel gefährden und sowohl die EU-Klimaziele als auch die langfristige industrielle Wettbewerbsfähigkeit Europas unterminieren.
Autor: Alexander Stark, Redakteur FACHPACK360°