Die Verpackungs- und Recyclingmärkte in Estland, Lettland und Litauen sind eng miteinander verflochten und folgen einer gemeinsamen Entwicklungslinie: mehr Kreislaufwirtschaft, stärkere Herstellerverantwortung und der Ausbau von Sammelsystemen. In allen drei Ländern orientieren sich die regulatorischen Rahmen für die Entsorgung von Verpackungsabfällen inzwischen eng am EU-Recht. Gemeinsam ist den baltischen Staaten außerdem, dass sie bereits Pfandsystemefür Getränkeverpackungen eingeführt haben – Estland seit 2005, Litauen seit 2016 und Lettland seit 2022. Das Pro-Kopf-Aufkommen an Verpackungsabfällen liegt in allen drei Ländern unter dem EU27-Durchschnitt von 186,5 kg je Einwohner im Jahr 2022.
Musterknabe Estland
Unter den baltischen Staaten zählt Estland zu den fortgeschritteneren Ländern beim Verpackungsrecycling. Nach Angaben der Europäischen Umweltagentur lag das Aufkommen an Verpackungsabfällen 2022 bei rund 143 kg pro Kopf und damit deutlich unter dem EU-Durchschnitt von 186,5 kg je Einwohner. Gleichzeitig erreichte Estland eine Gesamtverwertungsquote, die bereits über dem Zielwert für 2025 liegt. Die Europäische Umweltagentur hebt ausdrücklich hervor, dass das Land die für 2025 geltende Zielmarke von 65 % beim Recycling von Verpackungsabfällen bereits überschreitet und damit zu den wenigen EU-Staaten gehört, die beim Verpackungsrecycling über dem Zielpfad liegen. Zu dieser Entwicklung trägt nach Einschätzung der EEA auch das seit Langem etablierte Pfandsystem für Getränkeverpackungen bei.
Dieser regulatorische Kurs bleibt auch weiterhin der wichtigste Treiber. Ein Bericht der Deutsch-Baltischen Handelskammer (AHK) beschreibt für Estland einen klaren Reformpfad mit stärkerer Getrenntsammlung, erweiterten Herstellerpflichten, einer geplanten Reform der Verpackungssteuer sowie dem Ziel, Verpackungen materialärmer und recyclinggerechter zu gestalten. Auch die stärkere Erfassung von Verpackungsabfällen direkt am Anfallort und verbesserte digitale Abfalldaten sollen die Kreislaufwirtschaft weiter stärken.
Das Volumen im Bereich Verpackungsdienstleistungen wird für 2026 auf rund 44 Mio. Euro geschätzt. Besonders Gewicht in der Gesamtbilanz an Verpackungsmaterialien sind Papier-, Karton- und Kunststoff. Die estnische Papier- und Papierwarenindustrie, die einen wesentlichen Teil der Karton- und Papierverpackungen abdeckt, erreicht 2026 ein Branchenvolumen von gut 240 Mio. Euro.
Lettland auf Reformkurs
Lettland hat beim Umgang mit Verpackungsabfällen in den vergangenen Jahren zwar spürbare Fortschritte gemacht, das Länderprofil derEuropäischen Umweltagentur zeigt allerdings, dass die Menge an Verpackungsabfällen je Einwohner weiter ansteigt. Das Volumen liegt aber weiterhin unter dem EU-Durchschnitt und damit im europäischen Vergleich auf moderatem Niveau. Auch das gesamte kommunale Abfallaufkommen lag 2022 mit rund 464 kg Siedlungsabfall pro Einwohner unter dem EU27-Durchschnitt von 513 kg. Das deutet auf ein insgesamt niedrigeres Abfall- und damit auch Verpackungsaufkommen hin. Gleichzeitig hat sich die Gesamtverwertungsquote verbessert. Getragen wird diese Entwicklung vor allem von Papier, Karton, Holz und Glas, die die Verpackungsabfallströme besonders stark prägen. Auch bei Kunststoffverpackungen gab es im Zeitverlauf Fortschritte, zuletzt allerdings ohne größeren zusätzlichen Schub. Die getrennte Erfassung von Stahl und Aluminium zeigt zudem, in welchen Bereichen weitere Verbesserungen möglich sind.
Für die Verpackungswirtschaft besonders wichtig ist der politische Rahmen. Laut AHK-/RETech-Bericht baut Lettland seine Systeme für getrennte Sammlung und die notwendige Infrastruktur weiter aus und verankert zirkuläre Maßnahmen ausdrücklich auch im Bereich Verpackungsabfall. Hinzu kommt das noch vergleichsweise junge Pfandsystem für Getränkeverpackungen, das laut Bericht bereits spürbar zur Verringerung von Vermüllung beiträgt. Verpackungspolitik wird in Lettland damit nicht mehr nur über Recyclingquoten definiert, sondern zunehmend auch über Produzentenverantwortung, Sammellogistik und Sauberkeit im öffentlichen Raum.
Litauen: Recycling stagniert
Litauen zeigt bei Verpackungsabfällen ein gemischtes Bild. Eurostat weist für Litauen Verpackungsabfallmengen pro Kopf aus, die unter dem EU-Durchschnitt von 186,5 kg je Einwohner liegen. Das spricht für ein im EU-Vergleich eher geringes Verpackungsaufkommen. Die Gesamtverwertungsquote entwickelt sich jedoch seit Jahren nur verhalten. Nach Angaben der Europäischen Umweltagentur schwanken die Recyclingquoten der einzelnen Materialfraktionen deutlich, ohne dass sich ein klarer Aufwärtstrend abzeichnet. Die Gesamtleistung wird vor allem von Papier- und Kartonverpackungen getragen, während sich bei Kunststoffen und Glas die strukturellen Schwächen des Systems deutlicher zeigen.
Am grundlegenden regulatorischen Rahmen hapert es allerdings nicht: Die Herstellerverantwortung für Verpackungen ist fest verankert, und die nationalen Strategien orientieren sich klar an Abfallhierarchie, Sammelsystemen und dem Ausbau von Behandlungskapazitäten.
Auf der Marktseite zeigt sich Potenzial vor allem im Kunststoffsegment. Der Umsatz mit Kunststoffverpackungen in Litauen soll bis 2026 auf knapp 640 Mio. Euro steigen und macht das Land damit zu einem der bedeutenderen Kunststoffverpackungsmärkte in Mittel- und Osteuropa. Zugleich sollen die Importe von Kunststoffverpackungen bis 2026 auf knapp 140 Mio. US-Dollar anwachsen, was die Rolle Litauens als Importmarkt für Verpackungslösungen in der Region unterstreicht.
Der AHK-/RETech-Bericht verweist allerdings auch auf zentrale Bremsfaktoren der Kreislaufwirtschaft, darunter die geringe Nachfrage nach Rezyklaten, begrenzte Recyclinginfrastruktur, hohe Verbrennungsraten und einen noch kleinen Markt für nachhaltige Produkte. Für die Verpackungsbranche bedeutet das: Die politischen Leitplanken sind gesetzt, doch der Übergang von Regulierung zu einem tragfähigen Kreislaufsystem für Verpackungsmaterialien bleibt eine operative Herausforderung.
Autor: Alexander Stark, Redakteur FACHPACK360°