Recyclingkapazitäten gehen verloren
Die Folgen dieser wirtschaftlichen Schieflage werden inzwischen unübersehbar sichtbar. Der Druck auf die Branche zeigt sich bereits in einer wachsenden Zahl von Betriebsschließungen – besonders in klassischen Recyclingländern wie Deutschland. Mittelfristig könnte dies sogar zur Abwanderung von Verpackungsproduktionen führen. Die Entwicklung sei dramatisch, sagt Giebel: „Bis Ende 2025 wird das Gebiet voraussichtlich Recyclingkapazitäten in Höhe von fast einer Million Tonnen seit 2023 verloren haben.“ Schon zwischen Januar und Juli 2025 sei nahezu so viel Kapazität weggefallen wie im gesamten Jahr 2024; bis Jahresende könnten die Schließungen „dreimal so hoch sein wie 2023“. Nach Jahren rapider Expansion deute die Prognose für 2025 erstmals auf ein Nullwachstum hin – ein kritischer Rückschlag für die europäische Kreislaufwirtschaft. Besonders betroffen seien die Niederlande, das Vereinigte Königreich sowie Deutschland, das 2023 noch über die höchste installierte Kunststoffrecyclingkapazität in Europa verfügte.
Wie dringlich politische Korrekturen geworden sind, zeigt auch eine Analyse der europäischen Kunststoffrecycler (Plastics Recyclers Europe), auf die sich Matthias Giebel bezieht. Nach Darstellung der PRSE-Expertinnen und -Experten müssten politische Entscheidungsträger „dringend Handels- und Marktschutzmechanismen einführen, einheitliche EPR-Vorschriften gewährleisten und die Zertifizierung durch Dritte sowie harmonisierte Strafen für nicht konforme Materialien strikt durchsetzen“, um die Nachfrage nach EU-Recyclaten wieder anzukurbeln und weitere Werksschließungen zu verhindern.
Diese Maßnahmen müssten – so die von Giebel PRSE-Einschätzung weiter – durch eine Entlastung der Recyclingunternehmen flankiert werden, etwa durch den Zugang zu kostengünstiger und sauberer Energie oder durch eine deutliche Reduzierung bürokratischer Hürden bei Genehmigungen. Auch strengere Zollkontrollen und gezielte Investitionsanreize seien entscheidend, um die Wettbewerbsfähigkeit des europäischen Recyclings wiederherzustellen.
Das Fazit der PRSE fällt unmissverständlich aus: „Es ist jetzt Zeit zu handeln.“ Ein Zusammenbruch des europäischen Kunststoffrecyclingsektors – insbesondere des mechanischen Recyclings – würde die Fortschritte der vergangenen zehn Jahre im Bereich Umwelt und Innovation irreversibel gefährden und sowohl die EU-Klimaziele als auch die langfristige industrielle Wettbewerbsfähigkeit Europas unterminieren.
Autor: Alexander Stark, Redakteur FACHPACK360°