Geopolitische Krisen, volatile Energiepreise und schwankende Rohstoffmärkte erhöhen den Druck auf die Verpackungsindustrie. Im Gespräch mit FACHPACK360° erläutert Carolina E. Schweig, Geschäftsführerin von C.E. Schweig und Diplom-Ingenieurin für Verfahrenstechnik Papier- und Kunststoffverarbeitung, warum Kunststoffrecycling vor diesem Hintergrund neu bewertet werden muss – nicht nur als Nachhaltigkeitsthema, sondern als strategischer Faktor für Rohstoffsicherheit, Versorgungssicherheit und industrielle Resilienz.
Die aktuellen geopolitischen Spannungen zeigen erneut, wie stark Rohstoff- und Energiepreise auf Krisen reagieren. Wie macht sich das in der Kunststoff- und Verpackungsindustrie in Deutschland zu spüren?
Die Branche spürt gerade vor allem, dass sie an mehreren Stellen gleichzeitig verwundbar ist. Die Straße von Hormus ist kein Randthema, auch wenn der normale Durchschnittsbürger das nicht auf dem Schirm hatte. 2024 und im ersten Quartal 2025 liefen dort mehr als ein Viertel des weltweiten seeseitigen Ölhandels und rund ein Fünftel des globalen Öl- und Produktverbrauchs vorbei; beim LNG liegt der Anteil ebenfalls bei etwa einem Fünftel. Im März 2026 haben die Störungen die Ölpreise zeitweise fast auf 120 Dollar je Barrel getrieben, gleichzeitig sind die Schifffahrtskosten massiv gestiegen, denn Umleitung führt zu Mehrkosten und verlängerten Lieferzeiten.
Für die Kunststoff- und Verpackungsindustrie in Deutschland heißt das: Der Druck kommt nicht nur über Energie, sondern auch über Vorprodukte, Logistik, Versicherungen und allgemeine Unsicherheit in der Beschaffung. Selbst wenn Europa bei Hormus nicht der Hauptabnehmer ist – 2025 gingen fast 90 Prozent der dort exportierten Mengen nach Asien, nach Europa etwas über 10 Prozent – bleibt der Kontinent über Weltmarktpreise, LNG-Konkurrenz und Frachtkosten voll betroffen.
Was hätte früher geschehen müssen, um Unternehmen bei Verpackungsmaterialien unabhängiger von volatilen Virginpreisen, Importdruck und geopolitischen Krisen zu machen – und welche Rolle spielen Rezyklate dabei?
Wir haben Rezyklate viel zu lange wie eine reine Preisfrage behandelt: Ist Virgin gerade billiger oder Rezyklat? Das war zu kurz gedacht. Die Debatte müsste eigentlich als Frage der industriellen Resilienz geführt werden – also als Kombination aus Rohstoffsicherheit, Standortpolitik, Klimaschutz und Versorgungssicherheit.
Denn Krisen zeigen immer dasselbe Muster: Wenn globale Lieferketten unter Druck geraten, zählen nicht die billigsten Materialien auf dem Spotmarkt, sondern gesicherte Verfügbarkeit, regionale Stoffströme und belastbare Aufbereitungskapazitäten. Genau darauf weist auch die aktuelle Diskussion in Europa hin: Die Recyclingbranche leidet unter hohen Energiekosten, unberechenbaren Virginpreisen und dem Druck günstiger Importe.
Besser vorbereitet gewesen wären wir, wenn wir früher Recyclingkapazitäten systematisch ausgebaut hätten, Rezyklate in Beschaffung und Verpackungsdesign verbindlicher verankert hätten, langfristige Abnahmevereinbarungen statt Opportunismus betrieben hätten und Kreislaufwirtschaft nicht als CSR-Thema, sondern als Rohstoffstrategie verstanden hätten. Dann würden wir heute weniger nervös auf jeden geopolitischen Ausschlag reagieren.
Wie lässt sich verhindern, dass Rezyklate in Phasen niedriger Virginpreise wieder an Wettbewerbsfähigkeit verlieren? Braucht es dafür stärkere politische Leitplanken oder vor allem mehr Marktdisziplin?
Es braucht beides – aber ohne politische Leitplanken wird Marktdisziplin allein nicht reichen.
Das Grundproblem ist bekannt: Wenn Virginmaterial durch Ölpreiszyklen, Überkapazitäten oder Importe kurzfristig billig wird, geraten Rezyklate sofort unter Druck. Genau das belastet den Markt schon heute; die europäische Recyclingwirtschaft kämpft mit niedrigen und schwer planbaren Virginpreisen sowie mit billigen Importen.
Die EU-Kommission hat deshalb bereits Maßnahmen zur Stärkung der Kunststoff-Kreislaufwirtschaft angekündigt.
Aus meiner Sicht braucht es vier Dinge: verbindliche Mindesteinsatzquoten dort, wo sie technisch sinnvoll sind, klare Qualitäts- und Nachweisstandards, damit fairer Wettbewerb überhaupt möglich ist, langfristige Einkaufs- und Offtake-Modelle auf Unternehmensseite und weniger opportunistisches Umschalten zwischen Virgin und Rezyklat bei jedem Preissignal.
Anders gesagt: Politik muss den Rahmen setzen, aber Unternehmen müssen aufhören, Rezyklat nur dann zu wollen, wenn es zufällig der billigste Stoff im Monat ist.
Ist der aktuelle Preisschock aus Ihrer Sicht tatsächlich ein Wake-up-Call?
Ja, ich halte die aktuelle Situation für die Chance auf einen echten Wake-up-Call – je nachdem, ob wir endlich verstehen wollen. Nicht deshalb, weil wir plötzlich mit etwas völlig Neuem konfrontiert wären, sondern weil sich jetzt sehr deutlich zeigt, dass sich die geopolitischen Kräfteverhältnisse verändert haben.
Deutschland und Europa bewegen sich in einer Welt, in der Politik uns keine dauerhaft preiswerten und zugleich verlässlich verfügbaren Ressourcen mehr garantieren kann. Sie kann Rahmen setzen, sie kann Diversifizierung fördern, aber sie kann die Verwundbarkeit globaler Rohstoffmärkte nicht wegregieren.
Woran würden Sie in drei bis fünf Jahren erkennen, dass die Branche die richtigen Lehren daraus gezogen hat?
- Rezyklate bleiben auch dann im Einsatz, wenn Virginmaterial vorübergehend billiger wird.
- Unternehmen schließen langfristige Abnahmevereinbarungen, statt bei jedem Preisimpuls wieder umzuschalten.
- Es gibt mehr regionale Recycling- und Aufbereitungskapazitäten in Europa.
- Verpackungen werden konsequenter so gestaltet, dass sie tatsächlich kreislauffähig sind.
- Und: Transparente, nachverfolgbare Lieferketten werden zu einem echten Einkaufs- und Qualitätskriterium — nicht nur zu einem Compliance-Anhang.
Der eigentliche Test kommt also erst noch: Nicht daran, was die Branche jetzt in der Krise sagt, sondern daran, ob sie danach anders einkauft, anders designt und anders investiert.
Vielen Dank für das Interview, Frau Schweig.
Autor: Alexander Stark, Redakteur FACHPACK360°